Jost Prescher - "Botschafter" und Außenhändler

Viel haben wir, insbesondere die Kinder, nicht erfahren. Aber Onkel Jost war die Lichtgestalt in der Familie. Wer konnte schon auf solche Möglichkeiten zugreifen und die Welt bereisen. Dabei war es niemals Neid, vielmehr großer Stolz auf den Sohn der Familie. Da im Einzelnen aber nie Konkretes erzählt wurde, ist die Spurensuche mühsam. Seine Karriere als Außenhändler begann in London. Die DDR verstärkte in dieser Zeit ihre Bemühungen um internationale Anerkennung. Waren es zuvor britische Besucher in der DDR, die die Kontakte knüpften, wurde ab 1957/58 verstärkt nach Möglichkeiten gesucht, eine ständige Präsenz in London direkt aufzubauen; möglicherweise mit der Intention, das Fundament für eine spätere Botschaft zu legen. Den Anfang machte eine Handelsdelegation, bestehend aus Erich Renneisen (Deutsche Handelsbank, Rudolf Blankenburg (KfA - Kammer für Außenhandel) und Jost Prescher im Auftrage des Ministeriums für Innerdeutschen Handel, Außenhandel und Materialversorgung (MAI).

Ziel waren Verhandlungen für ein inoffizielles Handelsabkommen mit der Federation of Britisch Industrie (FBI). Ebenso gab es Treffen mit 23 britischen Abgeordneten u.a. auch Ian Mikardo der nicht zuletzt auch aus persönlichen geschäftlichen Gründen für einen intensiveren Ost-Handel aufgeschlossen war. Außerdem gab es erfolgreiche Gespräche mit Richard Crossman und Arthur Bottomley, unter Attlee immerhin von 1947-51 Staatsminister für Außenhandel, der sogar seine Bereitschaft zu einem DDR-Besuch bekundete. Ein schöner Erfolg für die nach Anerkennung strebende DDR. Gleiches galt wohl auch für die prominenten Labor-Politiker Patrick Gordon Walker, Anthony Greenwood, Edith Summerskill, und Douglas Jay. Dies geht aus einem "Sonderbericht" vom 15.07.1957 über Gespräche von Abgeordneten des Britischen Unterhauses hervor. (SAPMO-BArch, DY 30/IV 2/20/245)

Kronzeuge für den erfolgreiche Positionierung der DDR in London war Gerhard Waschewsky (Referent im Außenministerium), der nach seinem ersten Besuch der von der DDR-Handelsmission organisierten Spielwarenmesse vom 02.-07.11.1957 in London berichten konnte: In den Ausstellungsräumen im Hyde-Park sei überall die Bezeichnung "Deutsche Demokratische Republik" ebenso wie die Staatsflagge der DDR verwendet worden.
Bereits am ersten Messetag sei der Plan von Bestellungen im Wert von 10.000 Pfund erreicht und in der Folgetagen auf 35.000 Pfund ausgebaut worden.

Da der Aufbau einer DDR-Botschaft für die Briten nach wie vor nicht in Frage kam, nutze das MAI alle Möglichkeiten, die Beziehungen auf diesem Wege zu intensivieren. Die britischen Ministerien wurden von einem Besuch einer DDR-Handelsdelegation überrascht - Erich Renneisen (Deutsche Handelsbank), Rudolf Blankenburger (KfA) und Jost Prescher vom MAI, der aber als Vertreter des KfA ausgegeben wurde.

Letztlich mündeten die Aktivitäten der drei im Aufbau einer Ständigen Vertretung des KfA  der "KfA Ltd." mit Sitz an der Albertmale Street ​im vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair, Diese trug voller Stolz die Bezeichnung "Official Representative of the Chamber of Foreign Trade of the German Demokratic Republic". Leiter KfA Ltd. wurde Kurt Wolf, immerhin stellvertretender Leiter des KfA - sein Stellvertreter wurde Jost Prescher.

Sein Werdegang:

  • Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Hochschule für Ökonomie in Berlin und Promotion
  • danach Tätigkeit im MAI
  • 1959-1963 stellvertretender Leiter der KFA Ltd.
  • 1953 -1965 Leiter der KfA Ltd. (die britische Wikipedia führt in als "Representative at the Chamber of Commerce")
  • ab 1966 Generaldirektor des Außenhandelsunternehmen (AHU) Werkzeugmaschinen und Werkzeuge Export 
  • danach bis zum Ende der DDR Generaldirektor des Kombinates WMW Export, Chausseestraße 111 in Berlin, dem heutigen Sitz der Leibnitzgesellschaft.
  • 1989 gründete er in Brüssel mit der WMW, der GSAG und KUASY die ChemiMetal Machines SA/NV und fungierte als Vice President. Das Unternehmen machte 1989 8,6 Mio. (BF'1000) und 1990 4,3 Mio. (BF'1000) Umsatz.

Vertiefend sind die Zusammenhänge der Beziehungen zwischen Großbritannien und der DDR beschrieben in Henning Hoff: "Großbritannien und die DDR", Walter de Gruyter GmbH & Co KG, 01.01.2003 - 504 Seiten

"Klappentext": Bis zum Februar 1973 waren die bilateralen Beziehungen zwischen Großbritannien und der DDR außergewöhnlich: Aus offizieller, britischer Sicht existierte die DDR nämlich nicht. Konsequenter Weise verweigerte Großbritannien diplomatische Beziehungen oder politische Kontakte auf offizieller Ebene, eine Haltung, die von den meisten westlichen und blockfreien Staaten übernommen und bis Ende der 1960er Jahre beibehalten wurde. Die DDR musste deshalb auf andere Ebenen der zwischenstaatlichen Beziehungen ausweichen. Die Studie verwendet erstmals eine große Masse bislang unbekannter DDR-Quellen, insbesondere aus dem ZK der SED und dem Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten. Als Darstellung eines "Sonderfalls deutsch-britischer Geschichte" bietet sie Einblicke in die Komplexität eines speziellen Verhältnisses über den "eisernen Vorhang" hinweg.


Die Arbeit in London war aber auch nichtfrei von parteipolitischen Querelen, wie Henning Hoff in "Großbritannien und die DDR 1955-1973: Diplomatie auf Umwegen" beschreibt.


Das Ende der DDR war auch für ihn nicht einfach, wie im damals üblichen Scharfrichter-Duktus der Spiegel berichtete. Ich erinnere mich, dass ihn umtrieb, wie die Treuhand das Tafelsilber der DDR verscherbelte und insbesondre für die Mitarbeiter retten wollte, was nur geht. Dass er zum Scheitern verurteilt war, wissen wir heute.

Es ist aber auch zeitgeschichtlich interessant, mit welcher Häme damals DER SPIEGEL berichtete.

Ehemalige DDR-Wirtschaftsgeneräle, die jetzt noch unbehelligt Betriebe kontrollieren, haben dagegen ganz handfeste Motive - es geht um ihre Zukunft in der Marktwirtschaft. Und die verdanken sie Hans Modrow, der bei der Gründung der Treuhand Anfang 1990 die alten Genossen mitversorgte. Der ehemalige Generaldirektor Jost Prescher beispielsweise, nach wie vor Chef des Berliner Außenhandelsbetriebes Wemex, zeichnet im Nebenjob für die Sanierung der Chemnitzer Werkzeugmaschinenfirma Heckert verantwortlich. Dem einstigen sozialistischen Musterbetrieb wurden selbst von westlichen Konkurrenten beste Überlebenschancen attestiert. Doch Prescher erwies sich schnell als riskante Altlast. Erst im September, nachdem Treuhand-Kontrolleure bei Heckert zufällig Millionenverluste entdeckt hatten, trennte sich der Träger des Vaterländischen Verdienstordens der DDR widerwillig von seinem Geschäftsführer Karlheinz Arnold, einem guten Bekannten aus SED-Tagen. Die Suche des unsicheren Altsozialisten nach einem Topmanager aus dem Westen geriet erst recht zum Debakel. Auf Vermittlung eines Beraters hatte Prescher einen Mann ins Haus geholt, der im Westen als Firmenchef bereits kläglich gescheitert war - vor allem wegen erheblicher Alkoholprobleme. Der neue Vorstandschef kam zwar mit guten Vorsätzen, aber eben auch mit den alten Problemen nach Chemnitz. Schon nach wenigen Tagen griff er wieder zur Flasche. Ende November, lange zwei Monate nach Amtsantritt, wurde der alkoholkranke Vorstandschef wieder gefeuert. Jetzt versucht Peter Bachsleitner, ein kaum 30jähriger Treuhand-Mann und ehemaliger Rohwedder-Referent, Heckert zu retten. Kontrolleur Prescher mischt sich kaum noch in die Geschäfte ein. Verunsichert überläßt er die Führung des Unternehmens dem Jungmanager Bachsleitner. Freiwillig aufgeben aber will Prescher nicht. Zumindest vor der Treuhand, so scheint es, kann sich der Heckert-Kontrolleur sicher fühlen.

DER SPIEGEL 07/1992
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Generaldirektor WMW Export

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