Generaldirektor WMW Export

Onkel Jost war nicht nur mein bewunderter, fröhlicher und weltgewandter Lieblingsonkel -  er war lange Zeit Generaldirektor des Kombinates WMW Export. Naturgemäß wurde darüber wenig gesprochen; meine Großmutter erfreute sich jedoch an den regelmäßig eintreffenden Postkarten aus aller Welt. Ich selbst erinnere mich, wie ich als junger Kerl eine Postkarte vom Fuji bestaunt habe. Recherchen im Internet haben außer Verweisen auf das hinter einer Paywall versteckte Archiv des "Neuen Deutschlend" nicht viel erbracht.Auf eine interessante Geschichte bin ich jedoch gestoßen. Ein ehemaliger WMW-Mitarbeiter (Klaus Dieter Baumgarten) berichtet von seinen Auslandseinsätzen in Indien und im Iraq. Randläufig wird Onkel Jost in seiner Vorgesetzten-Rolle erwähnt. Da Klaus Dieter Baumgarten 2011 verstorben ist und ungewiss ist, wie lange der Text im Internet noch verfügbar ist, zitiere ich ihn nachstehend vollständig. Wen jemand noch zusätzliche Quellen, Dokument, Bilder o.ä. bereitstellen kann wäre ich sehr daran interessiert. Falls jemand ein Abo des Neuen Deutschland", könnte er gern einmal das Archiv durchforsten. Hier die Liste der relevanten Artikel.


WMW Werkzeuge und Werkzeugmaschinen der DDR

Baghdad/Iraq

In einem Erlebnisbericht schildert er seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse über seinen längeren Einsatz, welcher kurz nach einem 5 jährigen Indienaufenthalt in gleicher Funktion für das gleiche Unternehmen 1980 begann.

Es handelt sich, wie erwähnt, um einen persönlichen Eindruck und erhebt keinen fundierten wissenschaftlichen Anspruch. Die persönlichen Eindrücke basieren auf Erlebnissen in Vorbereitung und während des fünfjährigen Einsatzes mit seiner Ehefrau Gisela, welche ebenfalls in einer verantwortungsvollen Tätigkeit als amtierender BdGD ( Beauftragter des Generaldirektors ) des Außenhandelsbetriebes Intercoop tätig war.

In den persönlichen Eindrücken und Erlebnissen wird ebenfalls über Besonderheiten berichtet, welchen man als DDR-Reisekader ausgesetzt war bzw. welche man zu beachten hatte.

Ein kleines arabisches Wörterbuch wichtiger Redewendungen wird in der Anlage beigefügt.

Klaus Dieter Baumgarten

Auf dem Weg ins Zweistromland Iraq

Mitte Mai 1968 stand ich in der Ankunftszone des Flughafen Luknow/ Indien. Ein Sikh ging mir nicht vom Leib und bot mit alle möglichen Dienste an, so auch die Wahrsagung zur eigenen Person und den Vornamen meiner Mutter für nur fünf Rupien. Als Atheist glaubte ich nicht an diesen Blödsinn. Aber dass er mir den Vornamen meiner Mutter sagen könnte, das konnte ich mir nicht vorstellen. Da der Sikh außerdem Taxi-Fahrer war und ich nach Kanpur weiter wollte, nutzte ich sein Wahrsageangebot. Er sagte mir zusammengefasst, dass ich nochmals nach Indien käme in einer höheren Funktion für eine längere Zeit. Liebe und Erfolge wären enorm, aber auch Probleme. In der Zeit nach Indien ginge es noch weiter weg, aber nicht mehr nach Indien. Am Ende der Wahrsagung drückte er mir einen Zettel in meine Hand. Auf diesem Zettel hatte er etwas geschrieben, es war der Vorname meiner Mutter. Leicht abgewandelt, aber man konnte es erkennen als Charlotta. Meine Mutter hieß Frieda-Charlotte-Lucie. Meine Frau Gisela hielt mich für verrückt überhaupt an derartigen Quatsch zu glauben.

Tatsächlich kam es zu einem zweiten Einsatz als TKB-Leiter in New-Delhi-Indien.

Die offizielle Bezeichnung hieß damals gemäß der Handelsvereinbarung zwischen der DDR und Indien : Commercial Advisor of the Embassy of the German Democratic Republic, Commercial Section.

Vorbei, Mitte 1979 war unser Einsatz beendet. Bis Oktober war ich noch allein zur Übergabe an meinen Nachfolger dort. Im Prinzip war ich ein Inder geworden. Auf den jährlichen Tagungen des Unternehmens, hieß es nur, es spricht jetzt unser Inder Klaus Baumgarten.

Mein Auftreten in Indien und vor allem die Zusammenarbeit und das Leben mit Indern hatte doch abgefärbt, was ich bis heute nicht abgelegt habe. Es führte auch dazu, dass ich mit meinen Mitarbeitern und vor allem mit meinen indischen Mitarbeitern und Partnern den Einsatz erfolgreich abschließen  konnte. Also gemäß Wahrsagung Erfolge im Verkauf von Werkzeugmaschinen, technischen Ausrüstungen, Verkauf von Herstellerlizenzen und die Lieferung von Baugruppen für die vergebenen Lizenzen. Und letztlich haben wir dadurch den Export von indischen Werkzeugmaschinen in die DDR vorangetrieben.

Was gab es für Probleme gemäß der Wahrsagung: Hüte dich vor Sturm und Wind und Deutschen, die im Ausland sind. Dies war natürlich das kleinste Problem im zwischenmenschlichen Leben. Viel problematischer war dagegen die mehrfache Unterstellung in den dienstlichen Bereichen. Jeder wollte seine Machtstellung und Wichtigkeit beweisen durch administrative Maßnahmen und Aufträge die handelspolitischen Ziele der DDR im Einsatzland durchzusetzen. Nach dem Grundsatz: Wer gibt dir das Recht, nicht das zu verkaufen, was die DDR produziert, sondern das was der indische Markt verlangt oder benötigt. Das fing beim Handelsrat ( Bruckner/Marx ) an, also dem Ministerium für Außenhandel, dem Generaldirektor des Außenhandel WMW ( Dr. Jost Prescher ) und seinen 5 Stellvertretern, der Länderabteilung und Länderbeauftragten. Dem Ministerium für Verarbeitungsmaschinenbau ( Dr. Rudi Georgi ) und letztlich die vier Werkzeugmaschinenkombinate des Industriezweiges WMW.

Der Vollständigkeit seien sie hier nochmals genannt:

  • Werkzeugmaschinenkombinat „ 7. Oktober Berlin " GD Dr. W. Biermann/ H.Warzecha
  • Werkzeugmaschinenkombinat „ Fritz Heckert Karl Marx Stadt "  GD Dr. R.Winter
  • Werkzeugmaschinenkombinat „ Umformtechnik Erfurt " GD H. Kroker/ H.Brandt
  • Werkzeugkombinat „ Schmalkalden " GD Lesser

Am Ende meines Indieneinsatzes ließ ich mir einen Oberlippenbart aus Bequemlichkeit wachsen, war das schon eine Vorahnung aus der Wahrsagung?

„Jetzt bleiben wir in der Heimat und genießen die vier Jahreszeiten, unser Haus und Garten, unsere Söhne mit ihren Partnerinnen und all den Möglichkeiten, welche wir uns geschaffen hatten", sagte meine Frau. Ich war voll einverstanden. Viele Dinge des täglichen Lebens in der DDR hatten wir nicht als problematisch gesehen, wie viele unserer Verwandten, Freunde, Kollegen und Mitmenschen. Wir sahen Fortschritte, aber nicht die vielen Probleme in der Wirtschaft und im gesellschaftlichen Leben.

Folgerichtig wäre es gewesen, dass man mich nach meinem abgegebenen Abschlußbericht Indien im Bereich der Länderabteilung Süd-Ost-Asien der Entwicklungsländer eingesetzt hätte. Das war aber nicht der Fall, sondern man setzte mich in der gleichen Abteilung ein, aber für das Gebiet Afrika. Ich war mir nicht sicher, ob man das wirklich wollte, oder das bewusst eine politische Entscheidung war. Außerdem glaubte ich nicht, dass jemand meinen Abschlußbericht  Indien gelesen hat, hatte scherzhafterweise zwischen den Zeilen geschrieben: Wer diese Zeilen liest, bekommt einen Kasten Bier.

Es kam keiner, ich fand es jedoch etwas sehr merkwürdig.

Meine Arbeit machte mir doch sehr viel Freude und Spaß und die Ergebnisse wurden als Monatsbester für einige Zeit gewürdigt. Mir war das schon recht peinlich. Eine Dienstreise nach Äthiopien zu Verhandlungen für den Aufbau einer Werkzeugmaschinenfabrik konnte ich nicht aufnehmen, da meine Reisekaderbestätigung für Kurzreisen noch nicht vorlag. Die Beantragungslinien, die langen umfangreichen staatlichen Behördengänge und Nachforschungen waren noch nicht abgeschlossen. Außerdem sollte meine Frau wohl nach Westberlin dienstlich reisen. Interne Vorschriften besagten, dass Ehepartner nicht gleichzeitig ins Nicht-Sozialistische Ausland reisen durften, (und das nach den vielen Jahren gemeinsamen Einsatzes!).

Meine Langzeitreisekaderbestätigung und damit mein Reisepass durften nicht mehr verwendet werden. Ich war wieder ein normaler DDR–Bürger. Also blieb ich am Schreibtisch sitzen und studierte das Parteiprogramm der SED und den letzten Parteitag. Musste ja nachholen, was ich in der Zeit im Ausland doch wohl nicht so richtig studiert hatte.

Wenn die wüssten, was wir im Ausland alles studiert hatten und das Neue Deutschland in allen möglichen Versammlungen auswendig gelernt und wiedergegeben haben in langen Ausarbeitungen und Selbstverpflichtungen.

Wie üblich ging man Anfang  Januar zur Gedenkdemonstration Karl Liebknecht und Rosa Luxenburg, eine Pflichtveranstaltung jedes Jahr nach der TKB - Leitertagung in Berlin. Aus taktischen Gründen flanierte ich an der Spitze des Demonstrationszuges des AHB WMW  am Leitungsgrenium vorbei, um dann im Hintergrund wieder den Heimweg zu finden.

In der Spitze war unsere gesamte Leitung vertreten. Man zeigte sich, schaut her, ich bin auch hier. Der Gedanke an Rosa und Karl waren ohnehin nicht da, wenn man an Honecker und Co. vorbeimarschierte mit einer roten Nelke in der Hand, sofern man eine zu dieser Jahreszeit im Blumenladen bekam. Der Grundgedanke von Karl und Rosa : Freiheit für anders Denkende war auch nicht gerade von der Parteiführung erwünscht, wie es leider erst im späteren Jahren sichtbar wurde. An der Spitze unseres Zuges war auch die gesamte Parteileitung und Kaderabteilung vertreten. Bärbel K. von der Kaderabteilung rief mir zu: Kläuschen deine Bestätigung liegt noch nicht vor. Na diese Aussage kam mir entgegen. Es war sehr kalt und ich wollte mich nach dem hinteren Bereich des Zuges langsam in U-Bahn Nähe absetzen oder mit meinen Kollegen noch einen Grog einnehmen. Aber da sprach mich Jost Prescher, unser Generaldirektor verwundert an: Klaus alter Kämpfer und wollte wissen was ich hier wolle. Er wähnte mich schon längst in Baghdad. Günter Z., der derzeitige Leiter des Büros in Baghdad, hätte einen Herzinfarkt erlitten und stehe für einen weiteren Einsatz in den Tropen und überhaupt nicht zur Verfügung. Rudi B. z.Z. in Baghdad ist nicht tropentauglich und muss zurück und geht mit Ehefrau in die Türkei. Ohne auf meine Reaktion zu warten, schnauzte er Bärbel K. und Horst P. an, warum ich noch hier bin und nicht in Baghdad sei. K. stotterte irgendwelches Zeug und P. meinte, er hätte seine Aufgaben zum Kader erledigt. Meine Meinung war überhaupt nicht gefragt, mein Einwand ich habe absolut Null-Ahnung vom irakischen Markt und es gäbe weitaus bessere Mitarbeiter für diese Aufgabe. Prescher schnappte bald über und ließ keine Argumente zu. Du machst das, verstanden. Mein Verschwinden aus dem Demonstrationszug ließ ich lieber sein und marschierte am Stein" Die Toten mahnen uns", vorbei. Honecker und die ganze Führungsriege standen wohlbehütet auf der beheizten Tribüne. Meine Kollegen haben mich vermisst und meinten ich wollte mich wohl um eine Lage drücken. Viel größeres Problem bereitete mir mein Gang nach Hause, wie bringe ich das meiner lieben Frau bei wegen der neuen Aufgabe für uns in Baghdad. Sie war mehr als begeistert und konnte das nicht fassen. Mit mir kommt das nicht in den Topf. Hatte sie erstmals beruhigt, dass ich besser erstmals allein hinfahre und dann sehen wir weiter. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man mich im Iraq gebrauchen kann. Meine Kenntnisse über das Zweistromland waren, wie schon gesagt, mehr als mangelhaft in allen Bereichen. Geschichte, Wirtschaft und politische Verhältnisse waren die reinsten Fremdwörter für mich, geschweige von der Sprache her. Na klar, habe ich mal gehört vom Garten auf Eden, Wiege der Menschheit, von Honig und herrlichen Früchten,  Harun Al Rashid, Alexander der Große, Mesopotamien, Ali Baba und tausend und eine Nacht. Die Geschichten von Karl May. Hatte auch mal irgendwo gelesen, dass Mansur 750-775 nach Christi Baghdad gegründet hatte und der Name eine Kombination von zwei persischen Wörtern entstand und bedeutet soviel wie: „ Gegründet bei Gott". Und die Araber nennen es die City des Friedens. Das Ischtar Tor, ausgegraben von Schliemann haben wir schon mehrfach auf der Museumsinsel in Berlin besichtigt und sind gedankenlos daran vorbei gelaufen.

Dieses Wissen reicht natürlich überhaupt nicht aus, also galt es für mich unter dem Motto  „learning by doing" wird schon irgendwie klappen. Die Bereitschaft von Günter Z. mir behilflich zu sein, meine Kenntnisse zu verbessern, trafen auf taube Ohren. Er dachte wohl an eine Wiederausreise, was ich sehnlichst auch gewünscht hatte. Die lieben Genossen der Sektion Iraq im Ministerium für Außenhandel waren auch sehr zugeknöpft. Die Länderinformationen des Landes Iraq waren ebenso mehr als dürftig. Hilfreich waren dagegen die Bereiche des Außenhandelsbetriebes WMW, welche mich mit laufenden Projekten und Verkaufszielen bekannt machten. Dazu zählten insbesondere der Anlagenexport, Reparaturwerkstätten, Lehr-und Ausbildungsstätten, eine Werkzeugfabrik, eine Fabrik zur Herstellung von Spielzeug aus Plaste, Werkzeugmaschinen für den Fahrzeugbau und der gesamte Bereich der Plast- und Elastverarbeitung. Auch die beteiligten Werkzeugmaschinenkombinate mit ihren Lieferwerken, den Generallieferanten Rawema von kompletten Anlagen und anderen Kooperationspartnern erwiesen sich mir gegenüber als hilfreich und überaus aufgeschlossen für eine kooperative Zusammenarbeit, dass ich mich in der Heimat auf entsprechende Partner verlassen konnte um meine Arbeit mit den vorhandenen beziehungsweise mit den noch zu ergänzendem Teams in Baghdad  zu erfüllen. Dazu zählte außerdem noch eine stabile Marktbearbeitungsgruppe aus erfahrenen Experten und Außenhändlern der Industrie und dem Außenhandelsunternehmen. Mulmig war mir doch dabei, denn meine Dienstreise, nach  Erhalt meiner Wiederausreisegenehmigung, nach Bagdad konnte beginnen. Mulmig deshalb, denn was weiß ich schon über den Iraq, seine Entwicklung, Geschichte, Tradition, Verhaltensweisen bis hin zu Entwicklungstand und Trends. Ich glaubte fest daran, es ist nur eine Dienstreise, mein innerlichster Wunsch war eigentlich, in meiner Heimat zu bleiben und nicht noch weitere Jahre in der heißesten Stadt der Welt zu schmoren.

Klaus Dieter Baumgarten

Ankunft Im Zweistromland

Vor dem Abflug mit der Interfluglinie Berlin - Baghdad erkundigte ich mich telefonisch in Baghdad über die Wünsche, was ich für ein Frühstück mitbringen sollte: Schwarzbrot und Hackepeter und Heringssalat war die Aussage und für Engpässe wären angebracht Toilettenpapier. Na ja auf das Letztgenannte habe ich verzichtet, denn meine indischen Erfahrungen, wie man das Problem mit der linken Hand und Wasser löst, kannte ich ja. Außerdem sind mir aus den Kenntnissen heraus über Engpässe, selbige meist bei der Ankunft beseitigt und neue Engpässe waren vordringlicher. Nehme es mal vorweg. Hätten wir alle kurz- oder langzeitigen Engpässe in der Heimat angemahnt, hätten wir bestimmt ein großes Lager angehäuft unverbrauchter Waren. Dieses Problem gab es ja auch bekanntlich in der DDR, wenn Bürger bei ihren lieben Verwandten in der BRD in Bettelbriefen nach irgendwelchen Dingen des täglichen Bedarfs fragten und die lieben Verwandten, von der Steuer abgesetzt, irgendwelches Zeug in die Not leidende Ostzone schickten.

So stand ich auf dem Baghdad – Flughafen mit Kühltasche und Marschgepäck und war froh aus der vollbesetzten Interflugmaschine, in welcher es wie in einer Kneipe stank, wieder festen Boden unter mir zu haben. Monteure aus unterschiedlichen Bereichen der DDR- Volkswirtschaft von ihren Unternehmen und Fachexperten ausgerüstet mit reichlicher flüssiger Nahrung traten ihre Reise nach Baghdad an, von dort aus für 6 bis 8 Wochen an unterschiedlichen Standorten ihre Arbeit aufzunehmen. Hauptsächlich Monteure für den Aufbau von Fabrik- und Lagerhallen, Erdölbohrer, Signal und Sicherungstechnik für Eisenbahnanlagen, Schlachthausbau, Fahrzeugmonteure und andere Bereiche des DDR – Maschinen und Anlagenbaues. Aber auch Fachexperten der speziellen Handelorganisation ITA.

Rudi B., im folgendem nur Rudi genannt, erwartete mich am Flughafen mit dem roten Flitzer, einen roten Toyota Mark II meines eventuellen Vorgängers Günther Z.

Rudi mit einer Sippa, das Spielzeug der arabischen Männer. Drei mal zehn Kugeln gleicher Größe, nach jeder zehnten Kugel unterbrochen mit einer kleineren Kugel. Alle aufgereiht auf eine dünnen Kordel und an den beiden Enden geschlossen. So traf ich Rudi mit der Sippa in der Hand, ich dachte an eine Gebetskette der Araber, machte er unaufhörlich klick, klack eine Kugel nach der anderen schlagend. Klick, klack, klick, klack. Sein Oberlippenbart, sein dicker Bauch und seine stoische Ruhe brachten mich bald zur Verzweiflung und ich dachte, das kann nur ein Araber sein. Er begrüßte mich nicht wie die vielen Frauen auf dem Flughafen mit fast indianisch klingenden Kehllauten und Geschreie beim Empfang ihrer Lieben, sondern ein herzlichen Willkommen und sagte:" Ach, noch geht es uns gut und ich solle die noch schöne goldene Zeit im Iraq genießen und nutzen. Ich wusste nicht so recht, was er damit meinte und was ich von dieser Begrüßung halten sollte.

Rudi bekam von mir die mitgebrachte Schachtel Zigarren, denn Rudi war ein passionierter Zigarrenraucher. Das wusste jeder im heimatlichen Unternehmen. Wenn man auf den Bürogängen entlang ging, konnte man den Weg zum Rudi erriechen und somit seinen Arbeitsplatz.

Der rote Flitzer, welcher mächtig nach Zigarrenrauch stank, brachte uns in die City von Saddam Hussein. Sein Konterfei war an allen Ecken unserer Fahrt zu sehen in Bild und Großstatuen. Saddam Hussein war an der Macht seit 1979 und hatte wohl Ahmad Hassen Al – Baker ins Jenseits befördert oder die Macht irgendwie an sich gerissen mit seinem Clan und Helfershelfer, wie Tariq Aziz, Ramadan und anderen Anhänger aus dem sunnitischem Lager.

Hussein, dessen vollständiger Name Hussein Saddam al-Takriti lautet, wurde am 28.April 1937 in Al-Quja bei Tikrit, etwa 170 Kilometer nordwestlich von Baghdad geboren. Er wuchs im Hause seines Onkels auf (er entstammte, je nach Darstellung, einer außerehelichen Beziehung seiner Mutter bzw. verlor schon sehr früh seinen Vater) und konnte erst als Neunjähriger die Schule besuchen. Mit dem Onkel übersiedelte er später nach Baghdad, wo er den Schulbesuch fortsetzte und sich 1957 der damals noch illegal operierenden Baath-Partei anschloss. Nach einem missglückten Attentat eines Bath-Kommandos auf den Staatschef Abdul Kamir Kassem, an dem Hussein beteiligt war, floh er über Syrien nach Ägypten , beendete dort seine Schule und begann 1962 ein Jurastudium. Von dort an begann der Aufstieg von Saddam Hussein in Präsidentenamt.

Auf der Fahrt vom Flughafen zur City des Friedens versuchte ich annähernd die Wegroute mir zu merken für die Rückreise, man kann ja nie wissen, was alles so passiert. Es ging über die Jordan Street – Al Kindi Street – 14. Juli Brücke zur Sadoun Street. Ich hatte echte Schwierigkeiten mich zu orientieren, die vielen Verkehrsinseln, so genannte Kreisel mit vielen Abzweigungen und vor allem die vielen Baustellen in der Stadt bedeutete für mich eine große Unsicherheit in der Orientierung. Den letzten Kreisel zur Sadoun Street nannte Rudi den BRD–Kreisel. Dort hatte die westdeutsche Botschaft ihren Sitz. Die BRD–Fahne mit dem Pleitegeier hing träge in der Hitze des Tages schlaff herunter. Es war immer wieder recht eigenartig, wenn man eine BRD–Fahne sah. Was sollte man machen, ehrfürchtig hinsehen oder lieber nicht, damit man nicht den Allein–Vertretungsanspruch  der BRD für beide deutsche Staaten anerkennt. Es ist doch recht eigenartig, wenn man eine fremde Fahne sieht. Man identifiziert sich irgendwie. Es ist wie mit dem Palästinensertuch oder das T–Shirt mit dem Bild ergänzt durch Che–Guevara.  Ich hatte an vielen Auslandsveranstaltungen teilgenommen, wo wir unsere Flagge mit Hammer und Zirkel einziehen mussten, wenn nicht, würden die BRD–Organisationen aus Protest die Veranstaltung oder Teilnahme verweigern. Aber das wird wohl im Iraq nicht passieren, denn  ich war sicher, dass der Iraq eine demokratische Volksrepublik im vollen Besitz ihrer Souveränität ist und ihr oberstes Ziel ist der Aufbau eines geeinten arabischen Nationalstaates und die Errichtung des Sozialismus. Jedenfalls so dachte ich mir, aber in der Folgezeit bis 1985 sollte ich mehrfach auf der Internationalen Messe von Bagdad die DDR Fahne auf Protest der BRD einziehen.

Vor der 14. Juli Brücke warnte mich Rudi, bleibe da nicht so lange stehen oder mache da etwa Fotoaufnahmen, weil er gerade meinen Fotoapparat sah. 14. Juli erinnert an die Julirevolution des Jahres 1958. An diesem Tag brach die Revolution aus, es wurde die Monarchie gestürzt , fegte das faule Feudalsystem hinweg und rief eine entscheidende Wende in der Geschichte des modernen Iraq hervor. Auf die Februarrevolution vom 8. Februar 1963 und die Revolution vom Juli 1968 versuche ich noch später einzugehen.

Jedenfalls warnte mich Rudi vor dieser Brücke, dahinter, also auf der Westseite hätte Saddam Hussein seinen Palast und unterliegt einer verschärften  Bewachung. Na ja unsere Genossen in der Heimat werden ja auch bewacht. Warum eigentlich?

Das Haus, welches der Günther Z. (Klautschi: arabisch schlauer Fuchs) bewohnt hatte, hatte er selbst noch vor seiner Abreise an einen Experten der Zündkerzenfabrik Diala bei Baquba, welche in der Endphase der Realisierung war, leihweise zur Verfügung gestellt. Ich als Dienstreisender, legte keinen Wert darauf die Expertenfamilie aus diesem herrlichen  Anwesen zu vertreiben und wohnte mit Rudi in einem Hotel, dem Palestine in der Nähe der Sadoun–Street und in der Nähe ebenfalls der Büros der unterschiedlichen Technisch – kommerziellen Einrichtungen der DDR–Außenhandelsunternehmen. Mein Hackepeter wurde wohlwollend von allen Leitern der Büros im WMW–Büro von der Ex–Sekretärin des Günther Z. an den Mann gebracht. Es waren alles erfahrene, langgediente DDR–Bürger mit unverkennbarer, für mich seltsam anmutender, Gelassenheit und Ruhe. Sie wollten wissen wer ich bin und wie die Stimmung in der Heimat wirklich ist. Darüber, dass ich über Fortschritte sprach in Auswirkung des neuen ökonomischen System der DDR, sozialistische Entwicklung, die Bedeutung der weiteren Mechanisierung bestimmter Industriezweige etc. schwieg ein Großteil der anwesenden Mitstreiter. Was sollte ich anderes sagen, habe doch erst wieder einige Monate in der DDR verbracht und hatte die vielen potemkinschen Verhältnisse noch nicht wieder gesehen bzw. durchschaut.

Das anschließende Gespräch mit dem Vorsitzenden APO- Sekretär lief darauf hin, dass ich doch gleich in die Leitung kooptiert werden sollte. Dass ich aber nur auf Dienstreise hier sei,  rettete mich vor der sofortigen Aufgabe. Ich sah mich schon Parteiaufträge auszuarbeiten, Kampfprogramme erstellen, Planfortschreibungsprogramme, Einzelverpflichtungen sowie das Halten von Grundsatzreferaten in Parteiversammlungen und Parteilehrjahr oder in Gewerkschaftsversammlungen aktiv aufzutreten. Nein danke, das blieb mir vorerst Gott sei Dank erspart.

Die Vorstellung beim Handelsrat, Claus G. und seinem Stellvertreter, Werner R, war nicht besonders erbaulich, denn ich wurde als TKB-Leiter WMW begrüßt. Dr. Jost Prescher hätte mich so per B-Kabel avisiert, das Baumgarten mit sofortiger Wirkung die Tätigkeit aufnimmt, außerdem sollte ich an der nächsten Beratung als TKB–Leiter des AHB WMW eine Berichterstattung abgeben mit allen Details, wie Planerfüllung, Stand der Lieferungen, Stand der Objekte und Planvorschläge für 1981. Mein Einwand wurde vom langen G. niedergeschmettert und er wollte nicht noch einmal das Wort Dienstreise von mir hören. R. wollte mich noch trösten, hatte aber kein Erfolg. Ich war erstmals mächtig sauer auf  Jost Prescher, ein Schlitzohr, mich nach Baghdad zu schicken.

Rudi war erstmal mein ständiger Begleiter. Er brachte mir nicht die dienstlichen Dinge zur Kenntnis, was mich sehr verwunderte. Seine Lebensphilosophie stand unter dem Motto: Was ist unser Leben schon gemessen an der Ewigkeit. Er war fest davon überzeugt, dass die menschliche Zivilisation das Licht der Welt erblickte mit den Sumerern. Und das zu Beginn des fünften Jahrtausend vor Christus, im Schwemm Mesopotamiens, dem heutigem Iraq, die ersten Städte erbauten wie Ur, Uruk, Eridu. Weiterführend die Assyrer und die Babylonier. Bekannte Orte und Städte kannte er durch Besichtigungen wie Ninive, Nimrod, Babylon, Hatra, der Bogen von Ktesiphon oder das Minarett von Samara.

Die nächsten Tage nutzte Rudi mit mir die wichtigsten Punkte in Baghdad abzufahren um meine Orientierung zu verbessern, das war gar nicht so einfach. Baghdad war wie schon erwähnt eine riesige Baustelle. Entwässerung, Bewässerung, Straßen, Brücken, Überführungen und sonstige Baustellen verursachten das reinste Chaos. Baghdad lag  durch die vielen offenen Baustellen ständig in Staub und Dreck sowie permanente Umleitungen.

Meine Orientierung versuchte ich an den Brücken des Tigris festzuhalten im Gedächtnis:

  • die Aimma Bridge in Adhamiya
  • die Sarafiya Bridge Nähe Wazria Medical City
  • die Shuhada Bridge
  • die Ahrar Bridge Beginn der Rashid Street
  • die Jumhuriya Bridge

und die 14. Juli Brigde in der Nähe von Zuwiya. Das waren die Brücken, weitere Punkte waren die Syrian Catolic Church, das Denkmal des unbekannten Soldaten, Sendemasten des irakischen Fernsehen und Rundfunk, der Ali Baba Brunnen., Moscheen sowie markante Gebäude. Mir brummte der Kopf, ich dachte, ich werde schon alt und meine Unsicherheit im Straßenverkehr wird nicht enden. Schon allein wie man die Straße bei dem heftigem Verkehr und wenigen Fußgängerüberwegen  überqueren soll. Ganz einfach, man hebt die rechte Hand, alle Finger zeigen nach oben und eine Auf- und Abbewegung und deutet mit dem Mund die Worte schwäe, schwäe an. Die Autos halten an und man kommt auf der anderen Straßenseite.

Die gleiche Bewegung macht man aus dem Auto, wenn man im fließendem Verkehr anhalten will und im Nachbarauto einen Freund erkennt mit dem man einen kurzen Plausch machen muss. Man bleibt stehen und quatscht sein Zeug herunter, steigt womöglich aus und verabschiedet sich mit einem Wangenkuss. Erstaunliche Beobachtungen kann man ohnehin im Straßenverkehr und Verhalten der Autofahrer machen. Nicht umsonst sagt man, beim Autofahren erkennt man den Charakter eines Menschen, nicht nur beim Kartenspiel.

Vor uns passierte ein Auffahrunfall, beide Fahrer stürzten aus ihrem Fahrzeug bewaffnet mit Reifenheberstangen und gingen mit lauten Gesten aufeinander zu. Ich dachte jetzt schlagen sie sich den Schädel ein oder gegenseitig das Fahrzeug kaputt. In Windeseile hatte jeder der wütenden Fahrer, ob Unfallverursacher oder Geschädigter Leute um sich die ergriffen Partei. Wir kamen nicht weg und ich erwartete eine brutale Massenschlägerei. Plötzlich tauchte Polizei auf. Die vielen Leute waren wie weggeblasen. Die beiden Fahrer küssten sich und verabschiedeten sich mit  dem typischen Klatschen beider Hände als sei nichts passiert als sie sich noch kurz den Schaden ansahen und dann die Weiterfahrt antraten.

Rudi konzentrierte sich aber nicht nur auf Baghdad mit mir und versuchte mir die wichtigsten Ausfahrten aus Baghdad heraus zu zeigen.

  • Ramadi – Rutba , wenn du mal nach Syrien raus musst
  • Samara – Mosul, wenn du mal in den Norden willst zu den Kurden, du kannst aber auch über Baquba nach Arbil in den Norden fahren. Eine zweite Straße in den Norden führt nach Baquba – Kirkuk – Sulemaniya.
  • Die südliche Ausfahrt geht über Hilla – Kerbala – Divaniya – Nasseriya nach Kuweit, wenn du zum Einkaufen fährst nach Kuweit. Aber auch die Südstrecke über Kut – Amara nach Basrah ist nicht schlecht, wenn du mal die Marschen–Gebiete besuchen willst.

Ich glaube der Kerl hat noch immer nicht begriffen, dass ich auf Dienstreise bin und das Land bald wieder verlassen will. Außerdem will ich als Dienstreisender meine Umsatzverpflichtung als Ziel pro Tag erfüllen. Wir hatten nämlich im Unternehmen 10.000 US Dollar als angemessenes Ziel festgelegt.  Was soll ich nur in meinen Reisebericht schreiben, geschweige in den Sofortbericht mit Kopie für andere staatliche Organe. Und was sollen meine direkten Kollegen in Berlin denken. Wir waren eine kleine Gruppe und verantwortlich für ausgewählte Entwicklungsländer. Horst L .und Günter T., beides alte Hasen auf diesem Gebiet, beide nicht in der Partei. Was sollen sie jetzt von mir denken. Günter T. würde sagen: der lässt sich die Sonne auf den Buckel scheinen und wir müssen hier schinden. In Wirklichkeit haben sie ihre Mittagspause bei Eisbein und Sauerkraut in der Gaststätte „ Wernersgrüner"  in der Invalidenstraße neben dem Hotel Newa gewaltig überzogen mit einigen Bieren bis zum Feierabend. Der angebrochene Tag wurden dann bestimmt weiter verbracht in der Hafenbar gegenüber dem Unternehmen. Na ja, wenn es dem kollektiven Zusammenleben nicht geschadet hat und die Arbeit trotzdem geschafft wurde, ist es ja mal ein netter Ausrutscher. Anschließend ging es weiter ins Alte Ballhaus und dann in die Bar des Restaurants Moskau. Günter T. fiel anschließend die letzte Bockwurst herunter, aber es war ein gemütlicher Ausflug in die Freiheit der Männer.

Abends saßen Rudi und ich am Ufer des Tigris in einem Restaurant mit Fischangebot. Wir ließen uns den Masguf grillen. Der Fisch wird am Rücken aufgeschnitten und mit der gesamten Außenhülle, sieht jetzt aus wie eine Flunder, auf dem Grill gegrillt, bestreut mit Gewürzen und wenn gar mit der Hand verzehrt. Dazu eine Samune, ein Fladenbrot in Form einer großen Schrippe. Eine sehr angenehme  Atmosphäre, die Lichter von Baghdad spiegeln sich wider im Fluss, Familien sind mit ihren Kindern noch zu später Abendzeit zu treffen, die Kinder tobten auf den Tischen und waren noch recht rege, was die Eltern gar nicht störte. Es war angenehm die milden Temperaturen gegenüber der heißen Tageszeit hier am Tigris zu genießen.

Auf  Ausflügen außerhalb von Baghdad fuhren wir am Tigris entlang und besuchten dabei Gemüsebauern bei der Arbeit, lernten deren Gastfreundschaft kennen und ihre schwere Arbeit und Sorgen. Die Felder wurden mit  motorgetriebenen Waagerecht–Kolbenpumpen aus dem Tigris bewässert. Diese deutschen Pumpen waren aus den Jahren 1890 – 1900 und werden wohl noch weitere 100 Jahre ihren Dienst versehen, das Tigriswasser auf die Felder zu pumpen, wo riesige Melonen und andere Gemüsearten angebaut werden. Ich habe dort auf den Feldern Blumenkohl gesehen mit einem Durchmesser von über fünfzig Zentimeter in ausgezeichneter Qualität. Die Verständigung mit den Bauern oder Beduinen war nicht gerade einfach, aber ich hatte mir 50 – 60 Wörter angeeignet und diese teilweise, zuerst noch zögerlich angewendet. Auch der Genuss der Speisen und Getränke von den Leuten, die wir einfach aufsuchten, war uns zuerst fremd. Rudi war auch ein wahrer Naturbeobachter der irakischen Landschaft. Wir sahen seltene Vögel, darunter den Eisvogel, auch Kingfisher genannt, Bienenfresser und andere Exoten, Warane Echsen, Stachelschweine und eine Vielzahl von Insekten bis hin zu Skorpionen.

Viele Stunden verbrachten wir in der Diskussion über das Land Iraq, seine Entwicklung, Tendenzen und Besonderheiten. Er bestätigte meine doch relativ kurze Erfahrung über den Iraq, welche ich während unserer gemeinsamen Tage gemacht hatte. Wir haben Zeugnisse einer langen bewegten Geschichte, teilweise 2500 Jahre zurück, gesehen. Assyrische, babylonische Architektur, die Mona Lisa von Nimrod, Hatra Stadt der Sonne, der Bogen von Ktesiphon, das Minarett der Hauptmoschee von Samara mit seinem schraubenförmigen Turm mit einer Höhe von fünfzig Metern. Wenig zeugt noch von Baghdad aus Tausendundeiner Nacht. Ich hatte empfunden, dass im Iraq ein einträchtiges Zusammenleben der Volksgemeinschaften besteht. Die Ölfelder von Kirkuk, sowie die neuen Felder von Rumeila im Süden des Landes, welche man für die größten der Welt hält, dem Land einen Reichtum verspricht, welcher zur Blüte des Landes führen wird.

Begeistert war ich von Baghdad, eine Symbiose von Tradition und Modernismus. Baghdad war für mich eine moderne Hauptstadt, die Stadt des Friedens und einer enormen Ausstrahlung für jeden Neuankömmling. Das alte Mesopotamien, der gegenwärtige Iraq, ist einer der wasserreichsten Länder der Erde. Die zwei Ströme Euphrat und Tigris durchziehen das ganze Land. Unvorstellbar für mich, nachdem ich gesehen habe mit welchen alten Pumpen die Bauern das Land bewässern. Welche Möglichkeiten würden sich ergeben bei einer noch besseren Bewässerung in Flussnähe. Der Euphrat ist 2300 Kilometer lang und der Tigris 1720. Die Dattelpalmen bezeichnet man als Lebensbaum, besonders im Süden des Landes ist das Reich der Dattelpalmen. Im Iraq gibt es ungefähr 23 Millionen davon.

Wir waren in Basrah, einem Zentrum eindrucksvoller Aufwärtsentwicklung – konzentrierte Petrochemie, Eisen– und Stahlindustrie und der Al Bakr Hochseehafen.

Von den Reformen und dem sozialen Fortschritt auf dem Land konnten wir uns überzeugen, im Gedanken sah ich schon weitere Reparaturwerkstätten für Landmaschinen bedingt durch die vorgesehene Mechanisierung der Landwirtschaft als wesentliche Stufe der Entwicklung des Iraqs, auch wenn das Erdöl gegenwärtig den größten Reichtum darstellt. Fünfzig Prozent der Bevölkerung waren noch 1980 in der Landwirtschaft als Hauptbeschäftigung tätig. Der Bedarf an landwirtschaftlichen Maschinen bis 1980 war u.a. 136.000 Traktoren und 8000 Mähdrescher. Unterstützt wird die ganze Agrarreform durch den Bau des Staudammes von Thartar. Ein künstlicher See wurde geschaffen zur Regulierung der Wassermengen des Euphrat und Tigris, sowie zum Schutz der Landwirtschaft vor Dürre.

Wir konnte uns sichtlich überrascht informieren über die Vorhaben und bereits realisierter Objekte und Anlagen in der Nahrungsmittel-, Baustoff- und in der verarbeitenden Industrie. Ich habe Betriebe gesehen, deren Ausrüstungsstand westeuropäischen Standards entsprachen, wenn nicht sogar etwas besser. Die Nutzung  dieser modernen Einrichtungen war jedoch recht unterschiedlich. Bemerkenswert fand ich das Gesundheitswesen in seiner Gesamtheit und was ebenfalls erstaunlich war, wie doch viele irakische Frauen die überalterten wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Fesseln gebrochen haben und ihre Rechte öffentlich darstellen. Viele Frauen sah man in hohen Positionen staatlicher Betriebe und Organisationen.

Mit all diesen von mir beobachteten doch recht positiven Entwicklungen, bekam ich durch Rudi einen Dämpfer verpasst. Aus seinen Erfahrungen heraus sehe ich alles etwas durch eine rosa–rote Brille. Nicht umsonst hätte er auf dem Flughafen mich mit den Worten begrüßt: ach geht es uns gut, nutze die noch schöne Zeit im Iraq, was ist unser kurzes Leben gemessen an der Ewigkeit. Ich wollte Rudi schon lange danach fragen, was er damit gemeint hat. Er gab zur Antwort: ich bin mir sicher, dass der Iraq sich in eine unsichere Zukunft begibt und dies in einem relativ kurzem Zeitraum. Der Iraq wird und bleibt im Folgezeitraum innenpolitisch und vor allem außenpolitisch ein Unruheherd in der Region mit größter Gefahr eines Flächenbrandes. Ich hatte schon meine Pläne von einer Dienstreise in einen ständigen Einsatz im Kopf herbeigesehnt. Ich sah hier im Iraq nochmals einen interessanten Einsatz vor mir liegend. Die zur Übergabe befindlichen Projekte, wie eine Zündkerzenfabrik mit einer Kapazität von 2,3 Mio. Stück, eine Großwerkstätte für Landmaschinen, Geräte und Ausrüstungen sowie die Übergabe von 2 Großreparaturwerkstätten für Straßenbaumaschinen mit zu organisieren und zu leiten und außerdem die anstehenden  Projekte zu Liefer – und Leistungsverträgen weiterer Werkstätten in fast alle Großstädten der irakischen Republik vorzubereiten. Ich war richtig gierig geworden, diese Aufgaben anzugehen. Und nun diese für mich erstaunliche Aussage von Rudi. Kann ich das überhaupt meiner Frau zumuten, haben wir das nötig? Fragen kamen auf mich zu.

Er fuhr fort: „Innenpolitisch muss die führende Schicht unter dem Mantel der Bath Partei und der diktatorischen Leitung unter Saddam Hussein gewaltige Kräfte aufbringen, durch einen enormen Sicherheitsapparat die unterschiedlichen religiösen Richtungen, die unterschiedlichen Minderheiten und das kurdische Volk im Norden zu kontrollieren und einer Minderheit, den Sunniten zu unterwerfen. Es kann niemals gut gehen, wenn eine Minderheit, also die Sunniten  eine Mehrheit mit einer Diktatur beherrschen will. Außerdem das Problem, dass die Kurden immer wieder aus der irakischen Gemeinschaft ausbrechen wollen. Die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind als Grafik im Anhang dargestellt. Schon aus dieser Darstellung kann man sich vorstellen, wie die verschiedenen Richtungen Araber,  Kurden und Sunniten problematisch werden für das gesamte Kräfteverhältnis unter diktatorischem Machtverhalten. Dem herrschenden Regime war es gelungen, in relativ kurzer Zeit einen Sicherheitsapparat aufzubauen, welcher drei unterschiedliche Aufgaben hatte. Einen Sicherheitsapparat für die Führungsriege um Saddam Hussein, der Apparat in der Armee und der dritte in der Bevölkerung. Es wird ein enormer Druck von diesen unterschiedlichen Sicherheitsapparaten ausgeübt mit dem Ziel, die Machtposition von Saddam Hussein zu sichern und keine demokratischen Verhältnisse zuzulassen. Alles wird kontrolliert und überwacht, es gibt keine freie Reisemöglichkeit der irakische Bürger ins Ausland. Seit der Verstaatlichung der Erdölförderung und deren Verarbeitung und Vermarktung sind natürlich ausländische Interessen vorhanden, alte Zustände wieder herzustellen. Der Iraq hat viel für die Aufrüstung getan. Kriegsausrüstung aus westlichen Ländern, aber vor allen aus der Sowjetunion gekauft. Dies stellt natürlich ein bedeutendes Drohpotential dar gegenüber Syrien und Türkei wegen der Wasserprobleme und Kurden, dem Iran wegen der Kurdenprobleme und wegen ungelöster Grenzprobleme am Shat Al Arab, und gegenüber Israel wegen der Unterstützung der Palestinenser. Die massive Aufrüstung der Armee wird noch unterstützt durch Kampfgruppeneinheiten der  Jaish Al Shabi, Kampfeinheiten der Bathpartei unter Leitung von T. Ramadan, ein willkommener  Helfershelfer von Saddam Hussein. Diese Einheiten, paramilitärisch geführt, sollten die innere Sicherheit garantieren und sichern. Rudi meinte, wenn der innere Druck zu groß wird, dann gibt es nur ein Ventil, nach außen einen Konflikt anzufangen. Die Zeit wäre dazu reif.

Für mich klang das alles logisch, aber so richtig konnte ich nicht daran glauben. Dieser Aufschwung, den der Iraq zurzeit nahm, wo ist da die Gefahr? Der Iraq war voll von ausländischen Arbeitern und Fachkräften. Zigtausend Kräfte aus Jugoslawien, Ägypten, Indien und Brasilien arbeiteten an vielen Projekten des Landes. Unzählige Projekte mit Hilfe aus Frankreich, BRD, England, Schweden, Österreich  und der Sowjetunion waren kurz vor der Realisierung bzw. in Vorbereitung. Für mich unverständlich, dass die Entwicklung aufhört über kurz oder lang. Wenn Rudi über das Kurdenproblem mit mir sprach, hielt ich dagegen und war der Meinung, dass das Autonomiegesetz für Kurdistan wirkt und dass da alle Rechte aller Minderheiten ebenfalls offiziell anerkannt und in der Praxis sich bewährt haben. Rudi meinte nur, ich würde wie das Neue Deutschland quatschen. Fahr lieber noch mehr ins Land und du wirst ebenfalls zur gleichen Auffassung kommen wie ich.

Rudi versäumte es nicht, mich den wichtigsten staatlichen Partnern mit Anlagenorientierten- Objekten vorzustellen, weil er merkte, dass ich wohl vom Iraq nicht mehr weg komme. Das waren  die States Organization for Roades and Bridges, dem General Establishment for Agricultures and Mechanization und die State Organization for Industrie. Alles andere müsse ich  mir selber erarbeiten .Wir stellten noch einen irakischen Verbindungsmann ein, ein Mr. V, ein Armenier. Selbiger würde mir behilflich und dienlich sein bei den vielen Problemen unseres Aufenthaltes, bei Ein- und Ausreisen und sonstigen Problemen.

Rudi verließ Baghdad, er war vorgesehen für einen Einsatz in der Türkei. Ich hoffte nur, dass sich sein Einsatz noch lange verzögert, mir fehlte doch noch so allerhand Wissen und Kenntnis, damit ich ein richtiger Iraker werde.

Unser Vertreter für Plast- und Elastmaschinen, Kadhum Al Hattaf, gab mir viele Hinweise und Tipps. Abu Ali (so genannt, da sein ältester Sohn Ali heißt) hat  sein Studium Medizin in der BRD nach einigen Semestern  aus finanziellen Gründen abgebrochen und hat sich im Iraq wieder niedergelassen als Vertreter, verheiratet, 3 Kinder ( Abu und Ali, Zwillinge und eine Tochter Laila), Laila bedeutet Mondschein. Wir entwickelten ein sehr herzliches, freundschaftliches Verhältnis und gegenseitiges völliges Vertrauen und Achtung in relativ kurzer Zeit. Wir hatten keine Geheimnisse und schätzten diese Freundschaft wie unseren Augapfel. Auf Arabisch sagt man „ Aini " mein Augapfel. Das haben wir nicht nur gesagt, sondern auch so gemeint. Er verstand es auch in geeigneter Form, mir arabische Mentalitäten zu erklären, nahe zu bringen und entsprechend darauf zu reagieren. Die erste Lektion erhielt ich, als ich Abu Ali meine Planvorstellungen mit Zeitabläufen der Realisierung und Maßnahmen vorschreiben wollte und die notwendige Berichterstattungsaufgaben etc. vorlegen wollte.. Er sagte es mir nur  einmal: Klaus erzwinge niemals von einem Araber etwas unter Zeitdruck, sei nicht überheblich, achte seine Gewohnheiten, auch seine für dich unmöglichen Unarten, lass ihn immer merken, dass es sich um seine eigene Entscheidung handelt und nicht deine Meinung ist, höre gut zu- reden ist Silber- Schweigen ist Gold. Lass niemals zu, dass du an seinem Fachwissen zweifelst. Wenn du ein Versprechen eingehst, halte es. Lass nicht zu, dass der arabischen Partner sein Gesicht verliert. Wenn du mit deinem Eifer und Zeitdruck das System der Planwirtschaft der DDR  umsetzen willst bei uns im Iraq, dann bist du hier nicht der richtige Mann. Wenn du meine Worte nicht beherzigst, geht es dir genau so wie Günter Z. und du endest mit einem Herzinfarkt  und Misserfolgen.

Abu Ali war mir auch ein guter Lehrer in der Verhandlungsführung beim Partner. Niemals Druck oder Eile ausüben. Das sieht so aus. Beim Besuch eines Partners findet man im Büro viele Leute, man trinkt Tee und wieder Tee, man macht „ schloneck " ( wie geht es ). Eigentlich wollte ich was anbieten, aber der irakische Chef machte bald seine Andacht auf dem ausgebreiteten Gebetsteppich. Wir verschwanden und bedankten uns für den guten Tee mit  „elf Schukran „ (tausend Dank). Tage später rief mich der Chef an  und wollte wissen, was ich in der letzten Woche bei ihm vorhatte. Ich sagte nur, ach ich wollte dir nur sagen, dass der Fettsack aus Nasseriya eine Kuasy-Maschine mit Kernzug bestellt hat bei mir zur Herstellung von Winkelstücken für Abwasserrohre. Er antwortete: „Das kann doch wohl nicht der Wahrheit entsprechen, komme sofort vorbei und bringe mir das Angebot mit, ich brauche eine derartige Maschine."

Die Geschichte ging noch weiter, für mich jedoch einen Schritt weiter bei meiner Erfahrung als Iraker. Die typische Begrüßung beherrschte ich schon, es konnte losgehen.

Mit vielen Erkenntnissen reiste ich in die Heimat zurück. Hauptproblem war, meine Frau davon zu überzeugen, dass wir sobald wie möglich ausreisen sollten. Wir waren froh, dass unsere Reisekaderbestätigung als Langzeitreisekader noch nicht durch war. Anscheinend mussten noch unsere Nachbarn und sonstige Freunde befragt werden, ob wir gewissenhafte Bürger sind und zu DDR–Feiertagen auch die DDR–Fahne aus dem Fenster hängen. Unsere Angaben in den schon mehrfach abgegeben Personalbögen wurden miteinander verglichen, ob auch immer richtig alle Daten eingetragen waren und unsere Kontaktliste auch sauber war.  Da mein Nachbar erst kürzlich mich ansprach, dass er Besuch hatte von Leuten mit der Klappkarte, wussten wir, dass es noch einige Zeit dauern würde und meine Frau unsere privaten Probleme noch lösen konnte, ohne sie hier noch weiter zu beschreiben, denn das würde noch viele weitere Seiten füllen. Ich dagegen konnte mich in der Heimat weiter in unterschiedlichen Bereichen der Industrie und Ministerien vorbereiten. Aber das kannte meine Frau von mir ja schon, dass ich nur meinen dienstlichen Kram im Kopf habe. Ich wollte damit nur sagen, wie wichtig es ist, einen verständnisvollen Partner zu haben, ohne meine Ehefrau hätte ich das alles nicht geschafft und erfüllen können.

Mir war klar, dass der Iraq für die DDR eine große Rolle spielte und die Partei -und Wirtschaftsführung großen Wert darauf legte, dass alle geschlossenen Vereinbarungen zwischen der DDR und dem Iraq und umgekehrt gewissenhaft erfüllt werden aus politischen und vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Günter Kleiber hat persönlich die Leitung des Wirtschaftsausschusses  übernommen und vom Ministerium für Werkzeug - und Verarbeitungsmaschinenbau, Staatssekretär  Peter Krause und sein Stellvertreter Schubert. Vom AHB WMW war Dr. Jost Prescher, mein GD, ebenfalls aktiv eingebunden im Rahmen seiner Funktion  im Wirtschaftsausschuss. Diese Bedeutung des Marktes machte es mir möglich, noch weitere Mitarbeiter aus der Industrie (Fachingenieure und Fachmonteure) einzustellen, sowie eine feste Marktbearbeitungsgruppe für Abrufaufgaben im Iraq einzusetzen unter der Leitung des Büros in Baghdad.

Im August 1980 ging alles sehr schnell, wir hatten unsere Silberhochzeitsfeier  vorverlegt und starteten Ende August ins Zweistromland. Iraqs Wüsten und Steppen gehören zu den heißesten Gebieten der Erde von April bis Oktober und dort herrschen Temperaturen von bis zu 49 Grad. Also erleben wir noch einen heißen Herbst in Baghdad.

Unser Haus in Baghdad war ebenfalls wieder frei. Es lag in der Nähe der DDR-Botschaft mit der Handelsvertretung in der Richtung Rashid-Camp und Atomforschungszentrum ca. vier Kilometer entfernt, Abzweig Moulin Rouge, der Nachtbar von Baghdad. Schräg gegenüber war eine Frauenunterkunft, also ein Bordell mit Thaimädchen, uns gegenüber eine Autoreparaturwerkstätte. Rechts und links von uns Ein- und Zweifamilienhäuser bewohnt mit DDR–Familien und Schweden. Unser Garten sehr gepflegt von einem Gärtner, Ali, mit Oleandersträuchern, Bananen, Rosen, Zitrusbäume und herrlich blühenden Canna, auch indisches Blumenrohr genannt. Unser Haus zwei–etagig bestand aus fünf Zimmern, zwei Bädern, Küche und einer riesigen Dachterrasse. Ich habe das nur erwähnt, weil man sich vorstellen muss, allein schon die Reinigung und Pflege der vielen Räume. Wir hatten keine Angestellten, wie in Indien. Man muss sich auch vorstellen, wie man das Haus wieder sauber bekommt nach einem der häufigen Sandstürme. Und dann die Winterzeit. Der so genannte Winter ist zwar recht kurz, aber die Temperaturen gehen nachts doch recht in den kühlen Bereich verglichen zu den Tagestemperaturen um 20 Grad. Eine gut funktionierende Heizung hatten die Häuser nicht.

Baghdad war nach wie vor eine Baustelle. Eine große Anzahl von Ausländern aus Pakistan, Bangladesch, Ägypten, dem Sudan und Syrien, auch Inder und Filipinos wurden allmählich auch für uns Ausländer unheimlich anmutend. Staatlicherseits versuchte man die Zahl der Fremden zu kontingentieren durch Verschärfung der Ein– und Ausreisebedingungen. Bei den Ausländerbehörden, wo auch wir vorstellig werden mussten für unsere Aufenthalts–Wiederein– und ausreise nach Vorlage der Arbeitsverträge durch unseren Vertragspartner, herrschten unglaublich diskriminierende Zustände. Die Vorlage einer Bescheinigung, dass man frei von Aids war, war nur ein kleiner Teil der weiteren erniedrigenden Auflagen und Behandlungen. Wir wollten doch nur arbeiten und helfen bei der Vollendung der vertraglichen Leistungen und natürlich uns anbieten für neue Projekte des Landes. Ich glaube aus heutiger Sicht hätte ich nicht so blauäugig meine Dienstreise verbracht, wäre ich nicht willig gewesen einen langfristigen Einsatz anzutreten. Hatte doch wohl zu wenig auf Rudi gehört. Viele Dinge einfach überhört oder nicht sehen wollen. So auch die enorme Aufrüstung des Landes auf militärischen Gebieten aus Frankreich, der Sowjetunion, Schweden, BRD und auch der DDR. Letztgenannter Staat jedoch nur ein Bruchteil im Vergleich zu den anderen Staaten. Den triumphierenden Diktator Saddam Hussein als Bild traf man noch verstärkter an allen Ecken und Kanten der Stadt an. Wobei ich sagen muss, wenn man fast täglich Saddam Hussein im Fernsehen sah, war man beeindruckt von seiner Stimme, sie wirkte ruhig und keine Züge von fanatischen Ausbrüchen. Man hatte den Eindruck, dass er die breite Masse der Bevölkerung hinter sich hatte. Besonders umjubelt von den Kindern und Frauen. Ein Held der Iraker. Lieder und Gedichte wurden verfasst auf diesen Mann. Große Paraden wurden abgehalten und lange Reden worin der Iraq seine Eigenständigkeit hervorhebt und das Recht auf  Klärung  umstrittener Grenzgebiete. Auch der Hass gegenüber Ausländern wurde geschürt, so nach dem Motto: wir das irakische Volk füttert unsere Kühe und die Ausländer saugen am Euter der Kuh die Milch weg. Diese Aussage wurde auch plakativ dargestellt. Alles ähnelt irgendwie den Zeiten der Nationalisten in Deutschland.

Wir waren nun einmal hier und versuchten die positiven Seiten des Baghdader Lebens abzuringen. Meine Frau begann ihre Tätigkeit im TKB–Intercoop, die Entsendung von Fachexperten und wissenschaftlichen Leistungen aus der DDR nach dem Irak vermitteln auf der Basis der Verträge zwischen beiden Staaten.

In den ersten Wochen war ich bemüht mit den Einsatzkräften die anstehenden Projekte Zündkerzenfabrik in der Nähe von Baquba, die Reparaturwerkstätte für Landmaschinen in der Nähe von Abu Ghraib und die Großreparaturwerkstätte SORB in der Nähe Machmudiya zur Übergabe an die irakischen Partner ohne Einschränkungen zu erlangen. Das würde die Auszahlung der vertraglichen Restsummen bedeuten und die Zahlung der 10 %igen Sicherheitsgarantie. Mein Ziel war ein sträfliches Unterfangen, denn mit welchen täglich neuen Aussagen und Beanstandungen meine irakischen „ Freunde" kamen, hier eine kleine Auswahl noch aus meinen Erinnerungen heraus:

  • Die Stückleistungen werden nicht erbracht wie vorgesehen. Stimmt, weil der Partner andere schwer zerspanbare Materialien als im Angebot vorgesehen.
  • Bei der Farbgebung der Hallenkomplexe wurden die Stahlträgerelemente zwar gestrichen, aber es fehlten 3 µ eines dritten Deckanstriches gemäß internationaler Vorschriften für tropische Gebiete.
  • Die eingesetzte  technische Hilfe durch DDR–Experten war gut, aber der Bildungszuwachs bei den irakischen Experten lag nur bei 10 Prozent.
  • Alle Hauptparameter von Maschinen und Ausrüstungen mussten vorgeführt werden, so z.B. hat eine Drehmaschine wirklich einen Umlaufdurchmesser über Bett von 315 mm und der Hauptmotor eine Antriebsleistung von 15 kW wie im Projekt vorgesehen.
  • Es ging soweit, dass man das Gewicht von Hämmer nachwog, Werkzeuge auf Länge überprüfte, Feilenhefte beanstandete, weil die Hefte mit roter Farbe versehen war vom Lieferanten und das wäre eine Ausschussfarbe.

Möchte mir weitere Beispiele ersparen. Der Druck aus der Heimat wurde jedenfalls auf mich immer stärker, man wollte verständlicherweise das Restgeld haben zur eingeplanten  Planerfüllung. Wie sollte ich nun den Druck weiterleiten. Meine Vorschläge, dass man generell die Restsumme vergessen sollte, denn die Partner werden immer etwas finden, wo die Vertragsbedingungen nicht so eindeutig auf beiden Seiten erfüllt werden und sich der Prozess der Abwicklung über viele Jahre hinweg zieht bis zur endgültigen Klärung. Dieser Klärungsprozess kostet für beide Seiten viel Geld und Nerven. Außerdem belastet es die beiderseitigen Beziehungen wesentlich. Das wollten meine lieben Genossen in der Heimat nicht wissen und warfen mir politisches und ökonomisches Unvermögen vor. Wenn ich darauf hinwies, dass westliche Lieferanten, wie z.B. Rhein–Metal, Gildemeister, Strabag, schwedische, englische und französische Betriebe Millionenbeträge nicht erhalten haben, diese aber bestimmt mit großer Sicherheit mit der Vertragssumme schon einkalkuliert hatten, rastete man regelrecht aus. Ich hätte die Interessen der DDR zu vertreten und konsequenter meine Aufgaben zu erfüllen unter Einbeziehung aller Kräfte, der eigenen, die der Handelsvertretung, Botschafter und der Kräfte aus der Heimat. Ich täte gut daran nicht nur die Berliner Zeitung über den Postzeitungsvertrieb zu bestellen, sondern vor allem das Parteiorgan Neues Deutschland. Ich wollte schon zurück schreiben, dass die Berliner Zeitung das Parteiorgan der SED von Berlin ist, dies stand auf der Titelseite. Ließ es aber sein.

Die Handelsvertretung oder die Botschaft sah sich nicht in der Lage mir zu helfen, so auch nicht extra Kräfte aus der Heimat, sie hätten das Geld zur Planerfüllung bzw. die Übergabe auch nicht erreicht. Also habe ich den Druck versucht abzuwälzen, obwohl ich innerlich nicht davon überzeugt war. Die Hitze machte sich immer noch stark bemerkbar, die Nerven lagen blank. Einer meiner Mitarbeiter verlor die Beherrschung  bei einer der vielen Übergabeverhandlungen und hat wohl  bestimmte Äußerungen unseren irakischen Partnern in deutscher und arabischer Sprache kundgetan. Er soll gesagt haben: habe ich es hier nur mit Idioten zu tun auf deutsch und auf arabisch: el astesi, was soviel wie Arschloch bedeutet, oder im weiterem  Sinne: du kannst mich mal am Arschl…..Sicherlich fand das nicht meine Zustimmung und in meinem Interesse. So etwas macht man nicht, verstehen konnte ich meinen  Kollegen, wie kommen wir aber aus dieser Sache heraus ohne negative Konsequenzen für meinen Mitarbeiter. Über einen unserer irakischen Agenten für allgemeine Aufgaben im Einsatzland, einen Mr. Allemann, einen ausgedienten Staatsbeamten, aber so genau konnten wir seine wahre Identität und Vergangenheit nicht ergründen, jedoch  mit Sicherheit auch ein Mitarbeiter des irakischen Sicherheitsdienstes, wurde ich zum Präsidenten der State Organization for Roads Bridges einbestellt. Mr. Allemann war zuständig bei uns für die Beschaffung von Arbeitsgenehmigungen, Ein – und Ausreisepapiere, Lizenzen für Ein – und Ausfuhr von Fahrzeugen und Ausrüstungen, Versicherungen und natürlich für relevante Informationen. Sein Aufgabengebiet war für ihn der gesamte Baustab unseres Generallieferanten Rawema. Allemann überbrachte mir die Aufforderung beim Präsidenten zu erscheinen. Meine Arbeitsgenehmigung lag auch noch nicht vor, also stand ich auch auf der Abschussliste für eine kurzfristige Ausreise. Erstaunlich waren für mich Allemanns Kenntnisse über unsere Mitarbeiter. Er wusste z.B. über Dieter N., dass selbiger analoge Probleme hatte in Syrien oder andere relevanten persönlichen Daten und Informationen. Er hätte volles Vertrauen zu mir, so sagte er jedenfalls. Ich wäre gut beraten N. zu einer sofortigen Ausreise zu bewegen, ansonsten wäre meine Arbeitsgenehmigung nicht mehr möglich. Für das am nächsten Tag anberaumte Gespräch hatte ich nur noch wenig Zeit mich vorzubereiten. N. hatte mir gegenüber seiner Entgleisung gestanden, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass er mir nicht die volle Wahrheit gesagt hatte. Es war ratsam vorsichtig zu sein in meinen Aussagen und weiterem Vorgehen. N.r zu opfern kam für mich überhaupt nicht in Frage und hätte auch nie von meiner Seite zur Diskussion gestanden. Als Leiter bin ich halt auch für meine Mitarbeiter verantwortlich.

Hilfe konnte ich von der Botschaft nicht erwarten, habe auch erst gar nicht gefragt, denn sie hätten einen Aufstand gemacht. Außerdem hätte sich die gesamte Parteileitung und Gewerkschaft damit tagelang in Sitzungen und Versammlungen befasst. Parteiverfahren oder gar eine Sondermaschine, so hieß das Flugzeug für Leute, welche man nach Hause schickte aus irgendwelchen Gründen.

Mr. V., dem ich vertraute, konnte mir nicht helfen. V. hatte als Armenier nur noch begrenzt Kontakt zur Organisation und war dadurch nicht in der Lage, das anstehende Problem zu lösen Er selbst hatte enorme Probleme derzeitig, sein Sohn durfte nicht mehr den armenischen Kindergarten besuchen und musste eine arabisch sprachliche  Einrichtung aufsuchen. Ihre Reisepässe musste die Familie abgeben und Auflagen erfüllen hinsichtlich Meldepflichten und auferlegter  Hindernisse für die Aufnahme von Tätigkeiten. So wurde auch angewiesen, dass die im Haus befindlichen Schreibmaschinen, egal welcher Schrifttype abzugeben sind. Meinen Freund V. konnte ich also auch nicht mehr nutzen, nur sein Hinweis über anstehende Marktpflegegelder, welche noch nicht geflossen sind, für die Objekte könnte die Ursache sein. Über Marktpflegegelder, üblich in solchen Ländern hatte ich mich bewusst herausgehalten, denn das ist ein heißes Thema. Die Steuerung erfolgte über Berlin, ich hatte damit nichts zu tun. Das Geld ging nach meiner Kenntnis über Amerika, dort lebten Kontaktleute der Iraker. Ich glaube jedenfalls. V. hätte wohl erfahren, dass es Mängel gab im Zahlungsfluss. Verzweifelt hatte ich versucht Berlin an die Telefonleitung zu bekommen. In Berlin hatte man mich verstanden, man wusste um meine Probleme und versprach Besserung und Klärung und wollte mir noch ein B-Kabel senden, welches kurzfristig in der Botschaft sein sollte. Da ich wusste wie lange es dauert bis ein B-Kabel von A nach B kommt, war ich doch recht skeptisch und fuhr trotzdem zur Botschaft und Handelsvertretung. Ein B-Kabel war nicht da, aber der Handelsrat erwischte mich und wollte von mir neue Zahlen abverlangen für eine Planerhöhung für das nächste Jahr. Auf meinen Hinweis, dass eine weitere Erhöhung wie vorgeschrieben und verlangt von mir nicht mit Verkaufs– und Realisierungsaussichten untermauert werden kann. Man unterstellte mir gleich, dass ich politisch und ökonomisch nicht die wahre Situation der DDR erkannt habe und keine Einsicht zeige. Was soll ich den Minister sagen, wetterte der Handelsrat, etwa dass wir Abstriche machen müssen. Ich hätte am liebsten die gleichen Ausdrücke, wie N. verwendet. Faselte aber so etwa wie: Kampfprogramm, Forcierung des sozialistischen Wettbewerbes mit hohen Zielstellungen in den Kollektiven. Also Asche aufs Haupt, nicht konsequent. Umgekippt vor den Apparatschiks und Politokraten sozialistischer Prägung.

Die halbe Nacht vor meiner Audienz beim Präsidenten lag ich wach und grübelte. Trotz Klimaanlage, welche maximal zehn Grad weniger Temperatur als die Außentemperatur bringt, hatten wir immer noch 35 Grad im Raum. Der zusätzlich angeschaltete Deckenventilator, genannt Miefquirl, nervte ebenfalls. Meine Frau versuchte mich zu trösten, dass wir doch ein schönes Zuhause haben in der Heimat, sie freue sich schon, obwohl sie wusste, dass ich keine Aufgabe vorzeitig aufgebe. Rechtzeitig fuhr ich zur Organisation, wissend, dass die vielen Baustellen in Baghdad ständig sich verändern und man nie wusste welche Wegstrecke ohne Umleitung doch noch recht verkehrsfrei ohne Stau bewältigt werden konnte. Bevor ich den Präsidenten aufsuchte, hatte ich Zeit und machte die üblichen Höflichkeitsbesuche bei Miss Samira, eine der vielen Stellvertreter des Präsidenten, Mr. Machmut, der Direktor für die Werkstätten und Mr. Seth. Mr. Seth ein indischer Experte für Werkstattausrüstungen tätig für die Organisation. Außer bei Machmut stellte ich keine Besonderheiten gegen mich oder N. fest. Machmut wollte von mir wissen, wie es dem Doktor geht. Man hätte schon lange nichts mehr gehört. Er meinte wir hätten schon lange nichts mehr gehört muss ich korrekterweise berichtigen. Nichtwissens, wer der Doktor war, sagte ich nur, dass es dem Doktor wieder gut geht. Wir verabschiedeten uns mit dem Wangenkuss. Meine Bitte um Freigabe der 100% tigen  Übernahme der Werkstätten stände noch an, meinte er: ist das noch nicht gemacht, mich dabei  fragend  ansehend mit seinen treuen Augen und sagt, dass er das sofort anweisen werde so Gott will. Etwas besser gelaunt wartete ich beim Präsidenten auf meinen Auftritt. Das dauerte so seine Zeit, bis das Büro beim Mufti für mich frei war. Frei war es ja nie, aber zu mindestens etwas leerer, damit ich mein Gesicht zeigen kann. Ich hatte noch Zeit mich im Vorraum des Präsidenten auf meine Rede vorzubereiten. Die hilfreichen und aufmunternden Worte meiner Frau brachten mich auf andere Gedanken. So zählte ich die Bodenfliesen des Saales. 276 Fliesen, die Zahl werde ich nie vergessen. Blödsinn im Prinzip, aber ich merkte dabei, dass ich so langsam arabische Mentalitäten annehme, in dem ich mir nicht mehr alles zu Herzen nehme, es wird schon werden, so Gott will. Beim Präsidenten zog ich alle Karten einer doch formvollendeten Begrüßung, teilweise mit arabischen Worten untermauert, welche ich mir angeeignet habe. Brachte meine Freude zum Ausdruck, wie gut die Organisation den Aufbau des Iraqs unterstützt und bin begeistert über die Leistungsfähigkeit unter Leitung des Hochverehrten  Präsidenten und seinen irakischen Experten und leitenden Mitarbeitern. Diese Lobrede vor seinen Besuchern gehalten,  schmeichelte ihm natürlich. Ich wartete auf das Wort „ Aber, es gibt da ein Problem mit ihren Leuten". Es kam nicht dazu erstaunlicherweise. Machmut und Samira waren schon vorher beim Präsidenten, nachdem ich sie aufgesucht hatte. Auf meine Frage bezüglich meiner noch ausstehenden Arbeitsgenehmigung, tat er sehr erstaunt und wie Machmut und Samira an sofort zu prüfen, wer das verschlammt hat. Plötzlich ging die Tür schlagartig auf, Sicherheitsleute in guter Kleidung mit Beulen unter den Ärmeln traten ein und ein gauhaariger Iraker. Er fragte Mufti nach der Begrüßung, wer ich sei. Mufti meinte ein Deutscher–Arbil, also ein Ostdeutscher, ein guter Freund. Es stellte sich heraus, der ältere Herr ist ein Onkel von Saddam Hussein. Er stellte sich vor und fragte, wie lange ich schon im Iraq lebe und ob ich schon seine Bücher gelesen hätte. Ich verneinte und beteuerte, das ich kurzfristig mich daran setzen werde selbige zu lesen. Er wollte wissen, woher ich aus Deutschland komme. „ Ich komme aus der Hauptstadt der DDR Berlin, wir nennen Berlin auch die Hauptstadt wie Baghdad „ Stadt des Friedens ". Waren Sie schon mal in Berlin?"
„Nein junger Mann. Merken Sie sich, Berlin – Moskau- London und jede amerikanische Stadt werde ich nicht besuchen, denn von diesen Städten ist oft ein Krieg ausgegangen." Zum Mufti gerichtet sagte der Onkel von Saddam Hussein, eines hat der Hitler gut gemacht, er hat viele Autobahnen gebaut. Nur ein Fehler ist diesem Mann unterlaufen, er hatte nicht alle Juden umbringen lassen. Für mich war es höchste Zeit diesen Schwachsinn nicht  noch weiter zu verfolgen. Die Ausweisung von Nelkenbrecher war vorerst abgewendet, meine Arbeitsgenehmigung lag bei der Fremdenpolizei. Die Projekte wurden abgenommen mit vielen „ Abers", jedoch ohne weitere Zahlungsverzögerungen. Neue Projekte wurden angefragt für Reparaturwerkstätten in den Hauptzentren Iraqs.  Der Vollständigkeit möchte ich sie aufzählen, da diese  Städte in der späteren Zeit oft von mir aufgesucht wurden zur Aufnahme der Bau– und Montagearbeiten bis hin zur Übergabe an die jeweiligen Betreiber. Dazu zählten im Norden: Dohuk, Mosul, Erbil, Kirkuk, Sulaimaniya. Südlich von Baghdad, Kerbala, Kut, Najaf, Diwaniya, Nassiriya, Amara  und Samawa. Meine Reisen in diesen Städten brachten mir die unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Volksgruppen näher.

Die Übergabe der Zündkerzenfabrik dauerte noch an, weil angeblich die Stückleistungen nicht erreicht werden. Ich setzte persönlich Drehautomaten-Experten am Flaschenhals der Produktionslinien ein für einen 14 tägigen Dauertest. Nur widerwillig ging man auf  meine Forderung ein. Aber nur durch einen kontrollierten Dauertest könnte man die Probleme ermitteln. Der Test, eine aufwendige Arbeit für uns, verlief positiv für uns. Hauptprobleme waren Bedienfehler und hohe Stillstandszeiten durch Schlampereien. Mr. Ali, Direktor der Zündkerzenfabrik und mein direkter Kontaktmann sollte nur nicht sein Gesicht verlieren über die Zustände in der Firma unter seiner Verantwortung und wir vereinbarten eine Zusatzvereinbarung für die Entsendung von zwei Drehautomaten–Experten gegen Bezahlung. Wir setzten dafür Dieter B. und Willy F. aus Sonneberg ein. Zu Willy F. später noch einige Ausführungen über seine Zeit in einem irakischem Gefängnis nach einem belanglosem Verkehrsdelikt am Präsidentenzirkel hinter der 14. Juli Brücke.

Die Übergabe der Großreparaturwerkstätte in der Nähe von Abu Ghraib befand sich in der Endphase. Die technische Hilfe war der letzte Akt zur Vertragserfüllung. Fünf DDR – Experten reisten mit ihren Familien an. Zwischen dem Leiter der Werkstätten, Mr. Moukles und unserem Team entstand ein sehr herzliches Verhältnis und trug wesentlich zur Erfüllung der Aufgaben bei.

Die Geschäftsaussichten für alle DDR–Außenhandelsunternehmen gestalteten sich doch recht positiv. Großobjekte wurden begonnen, wie die Erstellung eines Großschlachthauses mit einer enormen Kapazität durch Fortschritt–Landmaschinen. Die Lieferung von Fabrikhallen durch Limex. Der Beginn des Baues von Signal- und  Sicherungstechnik für eine Eisenbahnlinie durch WSSB, Werk für Signal- und Sicherungstechnik Berlin. Lieferverträge für Hafenkräne in Basrah und die Lieferung von Straßenbaumaschinen durch Takraft. Der AHB Transportmaschinen hat seine Marktführung in der Lieferung von Lastkraftwagen Typ W50 und W60 ausgebaut. Über den Lieferumfang des speziellen Handel ITA, kann man nur spekulieren. Jedoch ist  mit großer Sicherheit  bekannt, dass sich die DDR niemals in irgendwelcher Form beteiligt hat für die Entwicklung und Herstellung von chemischen und atomaren Waffen und Mitteln. Auch die Lieferung von Ausrüstungen für die Herstellung atomarer und chemischer Mittel kann man als ausgeschlossen betrachten.

Die Erdölbohrverträge waren für die DDR ebenfalls eine sichere Einnahmequelle. Die DDR –Erdölbohrer verfügten über sehr gute Kenntnisse und waren sehr erfolgreich bei der Lösung komplizierter Bohrarbeiten in großen Tiefen und schwierigen Erdformationen. Erfahrungen hatte sie ja aus der DDR bekommen, denn die ganze DDR war durchforstet nach Erdöl und Erdgas. Seit Anfang August wurden unsere Bohrteams immer wieder beschossen durch iranische Grenzer. Sie waren in der Nähe der iranischen Grenze tätig. Beide Seiten beschuldigten sich gegenseitig und beschossen sich abwechselnd Einrichtungen und Anlagen auf beiden Seiten entlang der Grenze. Saddam Hussein schwört sein Volk ein auf die  Weiterführung des 1000 jährigen Krieges um Al Kadessia.

Man spürte regelrecht eine gewisse Unruhe im Land. Das Plakat mit der Kuh, wie schon erwähnt, war überall zu sehen. Im Prinzip wurde damit ausgesagt, passt auf die Ausländer auf, sie nehmen dem irakischen Volk alles weg. Fremdenpolizei und andere staatlichen Organisationen setzten diese Kampagne auch durch restriktive Maßnahmen um. Zucht und Ordnung, bei geringfügigen Vergehen wurden sofortige Ausweisungen veranlasst. Die Mitnahme von erworbenen Gegenständen, wie z.B. elektrische Hobbywerkzeuge aus dem Iraq, wurde bei der Ausreise ersatzlos abgenommen. DDR–typischer Verhältnis gegenüber Bürgern vom westlichen Staaten, einfach Willkürakte.

Mitte September fuhr ich nach Basrah zur Aufnahme von Verhandlungen für die Lieferung einer Walzenschleifmaschine zum Schleifen von Walzen für das Stahlwerk Basrah. Ich wählte die Ostroute über Kut – Amara nach Basrah. Ich wollte eigentlich vor Basrah noch einen Abstecher von Ourna nach Chabaisir machen in die Marschgebiete. Dazu kam es aber nicht, denn schon ab Kut stellte ich eine enorme Konzentration irakischer Militärkräfte mit allen nur erdenklichen Ausrüstungen im transportfähigem Zustand in Bereitstellungsräumen von Kut bis Basrh fest. Militärkontrollen ließen mich nach jeweiliger Befragung weiterfahren. Auf die Frage, wo ich denn hin will, sagte ich wahrheitsgemäß auf Arabisch: Ich bin der Chef von WMW und arbeite für die State Organization for Roads and Brigdes und will nach Basrah, verstehst du mein Freund. Außerdem will ich nach Amara, dort bauen wir eine Werkstätte für die Jaish Al Shabi und den Chef  kennst du, das ist Said Ramadan.

Mit den letzten Liter Benzin erreichte ich den Vorort von Basrah. Hielt es für unangebracht noch die Marschen aufzusuchen. Habe auch nie wieder die Möglichkeit gehabt, die Marschen zu sehen, denn sie waren bekanntlich durch die vielen Giftgaseinsätze verseucht.

Dr. H. und Ehefrau, von der Deutschen Seereederei, hatten ihr Büro in Basrah. Auch sie waren nicht überrascht über meinen Bericht von Kut nach Basrah und bestätigten meine Ansicht über eine Offensive der irakischen Armee. Es kann kein Manöver sein. Meine Verhandlungen im Stahlwerk waren recht erfolgreich mit dem Ergebnis eines Liefervertrages für die erwähnte Großteilbearbeitungsmaschine. Ich hatte das Bedürfnis so schnell wie möglich wieder nach Baghdad zu kommen, obwohl ich noch einen Blick zum Shat Al Arab machte. Es sah noch alles sehr friedlich aus. Den Rückweg wählte ich allerdings über Nassiriya – Samawa – Diwaniya – Hilla nach Baghda. In Nassiryad  besuchte ich noch eine DDR–Familie vom Kabelwerk–Oberspree, welche seit längerer Zeit dort im Kabelwerk Nassiriya arbeitete. Das Werk ist  in Kollaboration mit der DDR erstellt worden. Die DDR-Familie führte dort ein recht trostloses Leben in einer campingartigen Anlage. Beide hatten wenig Kontakte nach außen. Der Alkohol hatte wohl dazu beigetragen. Helfen konnte man leider nicht, es fehlte einfach an Zeit auf beiden Seiten. In Baghdad angekommen, musste ich in der Botschaft beim Militärattache einen mündlichen Rapport abgeben. Meine Erfahrungen mit Militärattaches hatte ich aus Indien schon gesammelt, damals nahm ich an Empfängen teil, wo damals der damalige Militärattache Wiese und später Jura Hoffmann, Sohn des ehemaligen Armeegeneral und Minister für Verteidigung der DDR, Heinz Hoffmann tätig waren nicht gerade immer die Besten. Ganz anders empfand ich den Militärattache der DDR – Botschaft in Baghdad Gerhard W. Besorgt nahm er meinen Bericht entgegen. Ich meinte, sicherlich bin ich kein Militärexperte, aber das ist keine Vorbereitung für ein Manöver, das wird ein Angriff. Diesen Aufwand kann man nicht mehr stoppen. Er beklagte die Zusammenarbeit mit den russischen  Militärattache, welcher den kleinen Bruder an der langen Leine hielt und jeglichen Informationsaustausch abwiegelte. Er war ebenfalls besorgt über fehlende Konzepte für den Ernstfall, wie sichern wir die DDR–Bürger und das Eigentum der Bürger und der DDR. Die Botschaft gab in den nächsten Tagen die Direktive heraus, dass man die Grenzkonflikte zwischen der Republik Iraq und dem Iran sicherlich besorgt betrachtet, aber es wird wohl zu keiner ernsthaften Auseinandersetzung kommen, nur begrenzt und in kurzer Zeit von max. sieben Tagen, wird alles wieder vorbei sein. Unsere Aufgabe als DDR–Bürger sei es, durch unsere Arbeit das irakische Volk in seinem Kampf gegen Imperialismus und im Kampf gegen den Zionismus zu unterstützen. Es sei für uns eine gesellschaftliche Aufgabe. Mir wurde bekannt, dass meine Kenntnisse auch von anderen Informanten bestätigt wurden. Ich wurde eingehend belehrt und angewiesen, doch meine Kenntnisse für mich zu behalten und alles dafür zu tun die Direktive der Botschaft in meine Kollektive hineinzutragen und für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Sollte ich mich so geirrt haben? Hatte Rudi die Entwicklung falsch eingeschätzt. Zweifel kamen auf und ein gewisser Frust, wie wir doch alle irgendwie manipuliert werden  und ausgenutzt werden für eine Sache oder politische Richtung. Warum lässt man sich manipulieren und hat nicht den Mut dagegen anzukämpfen. Ängste hatte ich auch, aber vor allem Gewissensbisse meiner Frau gegenüber, sie zu einem Einsatz überzeugt zu haben mit einer unsicheren Zukunft. Das Wort Krieg haben wir beide nicht ausgesprochen, als ich mit meiner Frau darüber sprach, was ich gesehen habe. Als Kinder haben wir mit neun Jahren noch den Ausgang des 2. Weltkrieges erlebt. Bombenangriffe auf Berlin und andere Kriegsauswirkungen und nicht zu vergessen die Nachkriegsauswirkungen bis in die 50 er Jahre hinein.

Gespräche mit meinen Freunden Vahe und Kadhum verunsicherten mich noch mehr. Sie erzählten ausführlich, wie die diktatorischen Verhältnisse im Iraq sich zur vollen Blüte  im negativem Sinne entwickeln. Unterdrückung, Folterung Andersdenkender. Der Aufbau eines Denunzierungssystems  wie unter dem faschistischen Hitler–Regime. Kandidaten der Baathpartei bekommen Aufträge vor der Aufnahme als Vollmitglied, Leute auszuspionieren bis hin zu Mordaufgaben. Kinder werden angehalten durch Jugendorganisationen, ihre Eltern zu bespitzeln. Beide, Vahe und Kadhum, wären sofort bereit gewesen das Land zu verlassen, aber nur mit ihren Familien. Ohne Pass ist das nicht möglich, na wie bei euch in der DDR. Es war wohl, wie ich mich noch erinnere der 24. September 1980 gegen 6 Uhr morgens. Aufgeschreckt durch Sirenengeheul. Der gleiche Ton, wie in Berlin in Vorankündigung eines Luftangriffes der angloamerikanischen Bomberverbände. Gänsehaut und Angstgefühle waren wieder da, wie wir das 1944 erlebt hatten. Ich stürzte auf unsere Dachterrasse und vernahm Abwehrfeuer aus allen Richtungen. Ein Phantomjäger wurde am Himmel von einer Bodenluftrakete getroffen. Ein Feuerball am Himmel und sank zur Erde. Rauchschwaden stiegen am Stadtrand auf, das Kraftwerk Al Dhoura war getroffen und die Öltanks brannten ebenfalls. Eigenartig das Verhalten der Vögel, wie Tauben und Krähen, die wie aufgescheuchte Hühner nicht zur Ruhe kommen. Es sah aus wie im Film die „ Die Vögel", beängstigend. Feuerwehrsirene waren zu hören, unterbrochen von Abwehrfeuer aus allen Richtungen. Erst als Splitter auf der Terrasse landeten, wurde mir bewusst, welche törichte Haltung ich machte, ohne mich um meine Frau zu kümmern. Als Kinder hatten wir die Splitter gesammelt und abgegeben, damit der Führer neue Bomben machen kann gegen unsere bösen Feinde und hofften, dass wir schnell in die Pimpfe aufgenommen werden. Meine Frau saß eingekauert unter der Betontreppe unseres Hauses im Hausflur. Entsetzen stand in ihren Augen, Verzweiflung und aber auch Vorwürfe gegen mich und die Durchhalteparolen der Botschaft. Mein Trost hatte wenig Wirkung auf sie. Meine Verantwortung für sie hatte ich schändlich ignoriert, weil ich nur meine Arbeit  im Vordergrund gesehen habe. Die Angriffe auf Baghdad ließen in den Abendstunden nach, die Sirenen mit der Entwarnung bedeuteten erstmals wieder Ruhe. Normal lief das Leben in den nächsten Tagen nicht weiter. Das Kraftwerk brannte noch über viele Tage. Lange Stromausfälle und Ausfall der Kommunikation, wie Telefon, Telex und TV waren nicht durchgängig benutzbar. Der Kontakt zu meinen Mitarbeitern und Baustäben war nur durch persönliches Aufsuchen möglich. Ich war froh, dass es vorerst keine Verletzten gab. Auch bei den vielen DDR – Expertenfamilien, welche meine Frau in ihrem Bereich zu betreuen hatte, war alles in Ordnung, obwohl einige Familien in unsichern Lagen wohnten. Also im Bereich von Ministerien und anderen staatlichen und militärischen Organisationen. Wir nutzten die Dunkelheit aus. Die Mitarbeiter wohnten verteilt in der ganzen Stadt von Bagdhad. Ohne Licht fuhren wir durch die stockfinstere Stadt, unterbrochen von Straßenkontrollen der Polizei und der Jaish Al Shabi–Einheiten, die Kampfgruppen der Baathpartei. In der Dunkelheit war das Autofahren in den Strassen äußerst kompliziert wegen der Kreisel. Plötzlich stand man mit seinem Fahrzeug vor einen derartigen Kreisel. Einen Kreisel, den BRD–Kreisel haben wir umgetauft in Keßler–Kreisel. Dieser Kollege Keßler, nicht verwandt mit dem ehemaligen Armeegeneral Heinz Keßler und Spusi angeblich von der Margot Honecker, ist nämlich  in der Mitte des Kreisels gelandet. Die Kreisel hatten mindestens einen Durchmesser von 20 Metern. In der Hoffnung, dass die Botschaft klare Anweisungen erteilt bzw. herausgibt, wie wir uns zu verhalten haben, gab es keine Hinweise, nur die Information, dass es sich um begrenzte Kriegshandlungen handelt, welche in Kürze beendet werden. Saddam Hussein hätte selbst gesagt, in sieben Tagen ist alles vorbei. Auf Gerüchte, dass viele Ausländer den Iraq verlassen haben bzw. wollen, sei man nicht angewiesen. Die DDR würde eine Evakuierung ihrer mehr als 1600 Bürger nicht anstreben, trotz der jetzigen Situation. Wir hätten eine Aufgabe zu erfüllen. Die Luftangriffe liefen kontinuierlich weiter, im Frontbereich tobten heftige Kämpfe auf beiden Seiten. Innerhalb kurzer Zeit wurde vieles zur Mangelware, besonders Benzin, Gas und Lebensmittel. In unseren Tiefkühlschränken vergammelten die Reserven wegen der Stromsperren. Bei Fliegeralarm öffneten wir alle Fenster und Türen, damit bei Explosionen die Fensterscheiben nicht zerbersten durch die Druckwelle. Die Fensterscheiben hatten wir ohnehin mit Klebestreifen verklebt. Das Anlegen von Notrationen, Notgepäck und Reserven wie Wasser, Benzin und Gas war zur Hauptbeschäftigung geworden in den nächsten Tagen. Es erinnerte alles an Luftschutzkelleratmosphäre. Wobei uns klar gemacht wurde, Flächenbombardement, wie wir es beide persönlich noch erlebt haben, wird es nicht geben. So laut Botschaft der DDR. Für das Bürohaus der DDR – Außenhandelsbetriebe organisierte ich ein Notstromaggregat Marke DDR. Damit konnten wir notwendige Kommunikationsmittel betreiben und waren aus der Heimat wieder erreichbar. Die Genossen aus der Botschaft hatten, bzw. sahen keine Möglichkeiten für uns eine stabile Linie über ihr bestehendes Informationssystem zu nutzen. Es waren  die reinsten  Arschlöscher vor Ort, man verzeihe mir diese Wortwahl. Wir waren zweiter Klasse im Arbeiter- und Bauern-Staat, das muss man sich vorstellen. Wut und Verzweiflung kamen in mir hoch und die Sorge um meine Frau, meine Mitarbeiter und meine Familie in der Heimat. Wir erfuhren, dass einer meiner Söhne in der DDR erkrankt sei und seelisch sehr litte unter der Ungewissheit über unsere Situation. Wir hatten schon einmal während unseres Einsatzes in Indien ein Problem in der Familie. Es passte wunderbar in dieses Szenario. Dieser Sohn leistete gerade seinen Dienst bei Volksmarine in der DDR ab. Taucher auf Dähnholm / Rügen. Bei einem Einsatz unter Eis verlor er ein Augenlicht durch Fremdkörpereinschlag. Wir hatten keine Möglichkeiten, unseren Sohn zu besuchen. Der Botschafter der DDR, diesen Namen, Wolfgang  Schüßler, möchte ich lieber nicht erwähnt haben, meinte: Ihr Junge lebt doch noch, was wollen Sie nur zu Hause. Dieser Mensch, ein Politokrat der SED, war anschließend noch  in Ägypten im Einsatz als Botschafter und ich habe mir berichten lassen, dass er der erste Genosse gewesen ist der noch vor dem 9. November 1989 aus der Partei ausgetreten ist und seine vielen Kisten gepackt hatte. Ich kann es nicht beweisen, aber gute Freunde haben es mir erzählt. Wir waren im Büro, ein erneuter Angriff auf Baghdad hinderte uns das Büro zu verlassen. In diesem Augenblick kam ein Anruf bei meiner Frau an, für mich aus meiner Berliner Zentrale. Hubert G., Abteilungsleiter für Anlagenexport schreiend  durchs Telefon, was denn eigentlich los ist. Er wolle doch nach Baghdad reisen, aber die Interflug fliegt die Stadt nicht an und was wäre denn mit den unterschriftsreifen Verträgen. Wann würde ich, Klaus Baumgarten, endlich vermelden, dass die Verträge unterschrieben sind, ob ich nicht in der Lage sei und die Notwendigkeit einsähe. Der Alkohol hat diesen Menschen 1990 leider das Leben gekostet.

Meine Frau kannte diesen Menschen und sagte nur, wenn Sie es nicht wissen sollten, hier ist Krieg, Aufwiedersehen. G.hätte jeder Gesellschaftsordnung dienlich sein können, solch ein Mensch war er. Ein armer Mensch.

Ein Großteil der westlichen Länder evakuierten ihre Bürger. Die Ausreise war möglich, ohne dass man eine Freigabe vom irakischem Partner bekam. Von offizieller Seite erklärte man aber, wer uns verlässt, braucht nicht wieder zu kommen. Das war natürlich für unsere Botschaft Anlass genug, ihre starre Haltung gegen eine Evakuierung fortzusetzen. Aus meinen Kollektiven wurde gefordert, mit Petitionen eine sofortige Evakuierung durchzusetzen. Man sei  nach dem Iraq gekommen, um zu arbeiten, aber nicht einer sinnlosen Gefahr ausgesetzt zu sein. Diese Petition vorgebracht von mir in der Botschaft führte dazu, dass ich vorgeladen wurde zur Klärung. Man hatte absolut kein Verständnis für derartige Eingaben und führte das auf schlechte Leitungstätigkeit zurück und ich hätte meine Leute nicht im Griff. Dieser Kerl der DDR Botschaft ging mir mächtig auf die Nerven. 

(Nach der Wende tauchte dieser Mann bei mir auf als Versicherungsvertreter und wollte mir irgendwelche Policen andrehen, als es mich sah, verzog er sich ohne noch ein Wort zu sagen, sein Name, Genosse G..)

Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle und ließ alle Wut und Empörung, welche sich bei mir angestaut hatte heraus. Ich fühlte mich befreit. Unsere Beratung wurde unterbrochen, da ein erneuter Luftangriff mit Sirenengeheul angekündigt wurde. Mein G. verschwand und ließ mich vorerst in Ruhe. Er war der einzige Ranghohe in der Botschaft neben dem Militärattache. Botschafter L. und Handelsrat Claus G. waren in der DDR mit dem Parteisekretär zu einer Konferenz. Sie kamen erst viel später über Jordanien wieder zur Botschaft zurück.

In Absprache mit meinen Mitarbeitern sind wir dazu übergegangen, die Arbeit wieder aufzunehmen. Durch die Arbeit waren sie abgelenkt und verfielen nicht in Alkoholorgien. Hatte mich vorher mit unseren irakischen Partnern abgestimmt, ob die Objekte nicht im Gefahrenbereiche eventueller Angriffe liegen. Dort wo militärische Einrichtungen in der Nähe waren, haben wir die Arbeit nicht aufgenommen. Die irakische Bevölkerung hat relativ gelassen die Kriegsauswirkungen hingenommen. Eine Welle der Begeisterung für Saddam Hussein war überall zu spüren. Mütter drängten ihre Söhne am Kampf teilzunehmen, auch wenn die Gefahr besteht als Märtyrer zu sterben. Die leitenden Mitarbeiter staatlicher Betriebe und Organisationen erschienen alle in Uniformen der Jaish Al Shabi. In den Gesprächen mit ihnen kam immer wieder zum Ausdruck ihre volle Zustimmung zum Krieg gegen den Feind, den iranischen Aggressor und seinen amerikanischen Helfershelfer.

Seit Kriegsbeginn waren nunmehr vierzehn Tage vergangen, alle Leiter wurden über ein Meldesystem zur Botschaft beordert. Meine Frau als Nichtmitglied der Partei, obwohl eingesetzt als Leiter für den Bereich Intercoop, wurde versehentlich vergessen. Zeitpunkt 18 Uhr Ortszeit. Wir wurden informiert, dass die DDR auf Empfehlung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands Genossen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker eine Interflugmaschine vom Typ IL 62 in Damaskus bereitstellt. Die zur Evakuierung vorgesehenen Bürger, überwiegend Frauen und Kinder sind eine Stunde vor Abfahrt zu wecken und einzuweisen, wo die Kleinbusse zur Abfahrt in Richtung Damaskus bereitstehen. Für den Bereich meiner Frau und meiner Zuständigkeit betraf es 15 Personen. Die Botschaft legte großen Wert darauf, dass diese Entscheidung aus Berlin käme auf höchster Parteiebene und wir doch stolz sein können eine derartige Führung zu haben, welche sich um die Belange seiner Menschen kümmert. Ich erspare mir die chaotischen Verhältnisse, welche entstanden nachdem wir unsere Heimreisekandidaten mit ihren Kindern entsprechend dem Zeitplan geweckt hatten. Unsere Kandidaten wohnten überwiegend in Mehrfamilienhäusern. Es blieb also nicht aus, dass bei dieser Weckaktion, denn es war wohl gegen Mitternacht, auch andere Mitbewohner geweckt wurden. Hinzu kamen die Abschiedsszenen von den Ehemännern, welche in Baghdad bleiben mussten. Es war wie gesagt chaotisch und wir waren froh, die als Konvoi gestarteten Kleinbusse mit den Kindern und Müttern aus Baghdad heraus begleitet zu haben. In Höhe Abu Ghraib ging der Konvoi in Richtung Damaskus über die Grenzstation Rutba durch die irakische Wüste vorbei an der offiziellen Grenze Iraq/Syrien. Dieser Außenposten heißt Wejeed. Dieser Punkt kommt noch später mal vor in meinem Erlebnisbericht. Die gesamte Wüstenstrecke erstreckt sich über 600 Kilometer. Noch weitere Konvois folgten in der nächsten Zeit. Mit dem dritten Konvoi konnte meine Frau Gisela mit ausreisen. Sie war einfach fertig und am Ende ihrer Kräfte. Ich habe sie einfach durch meine Entscheidungsgewalt überfordert, was ich sehr bedaure, das hat sie nicht verdient. Die Transporte ab November wurden dann über ein syrisches Busunternehmen organisiert, sodass ein regelrechter Pendelverkehr zwischen Damaskus Airport und Baghdad und umgekehrt für einen langen Zeitraum eingerichtet wurde. Hannes Rostock von der Interflug wurde als Vertreter der Interflug eingesetzt und regelte den „ Flug-Verkehr". Er hatte schon Erfahrungen in Bangladesch und Afrika gesammelt bei ähnlichen Aktionen. Bis Ende Dezember 1980 wurde die gesamte Auslandsvertretung auf ein Minimum reduziert. Meine Ausreise oder Heimreise stand nicht zur Diskussion.

Baghdad setzte alle Kräfte zum Schutz ein, rings um Baghdad entstand ein Verteidigungsring, Abwehrraketen und hunderte Hügel wurden aufgeschüttet. Oben, auf diesen Hügeln, wurden MG-und Flakabwehrgeschütze gesetzt. Besetzt mit Soldaten, schwarzen Regenschirmen gegen die Sonne und  Fernsehern. Die Auffahrt zur obersten Stelle der Stellung wurde mit weißer Farbe gestrichen. Diese Methode fand ich recht lustig und erinnerte mich an meine Zeit in der Kampfgruppe, wo wir uns in den Wäldern um Berlin in Schützenlöchern in die Erde eingraben mussten. Man lernt nie aus.

Große Wälle wurden um das Atomkraftwerk angelegt. Oben ebenfalls das Atomzentrum überragend MG-und Flakgeschütze. Entlang des Tigris und wichtiger Anlagen, wie das Kraftwerk Al Dhoura, wurden große Fesselballons aufgelassen, um die Tiefflieger der iranischen Luftwaffe zu verhindern, damit sie aus der radarfreien Höhe heraus müssen. Die Fesselballons kamen schnellstens aus Frankreich, außerdem Ersatzflugzeuge vom Typ Mirage, weil die russischen MIG s nicht ausreichten. Die Sache mit den Ballons hatte einen kleinen Nachteil, sie waren an langen Stahlseilen befestigt und mit Gas gefüllt, boten sie ein attraktives Schauspiel am Himmel, wenn Gewitter einsetzte. Die Blitze entluden sich an den Stahlseilen und die Ballons explodierten, ein riesiger Feuerball zeigte sich jedes Mal am Himmel, wenn ein Blitz einschlug.

Die Luftangriffe auf Bagdad ließen abrupt nach, da die Iraker fast alle iranischen Kampfflugzeuge am Boden vernichtet hatten in einer gewaltigen Aktion. Der Krieg konzentrierte sich ausschließlich am Boden. Hohe Verluste wurden täglich im Fernsehen gezeigt. Schlachtfelder, Leichenfelder, man kann es nicht wiedergeben, täglich 10.000 und an manchen Tagen 15.000, so die Zahlen. Die irakischen toten Soldaten bezeichnete man als Märtyrer. Die Taxis auf dem Weg nach Baghdad hatten auf den Dachgepäckträgern weiße Särge mit der Nationalflagge des Iraqs. Es wurden täglich mehr. Saddam Hussein zeigte sich an der Front in voller Pose als Feldherr, während in Baghdad  die Bevölkerung eingeschworen wurde standhaft zu sein und ewige Treue zu schwören auf den großen Führer Saddam Hussein. Es ist ein erbitterter Kampf entstanden gegen Aufweichlern und Kräfte, welche ihre Aufgaben nicht ehrenhaft erfüllen. Irakische Freunde haben mir berichtet und bestätigt von Nachrichten über die Erschießung von hunderten irakischen Offizieren, weil sie eine Schlacht verloren hatten gegen die iranischen Feinde sowie Rückzüge angeordnet hatten.

Auf der Rückfahrt von Hilla nach Baghdad war vor mir ein Bus gestoppt durch eine Militärkontrolle. Ich musste auch anhalten und wurde mit vorgehaltener Kalaschnikow kontrolliert. Plötzlich stürzten etwa 10 bis 15 Iraker aus dem hinteren Teil  des Busses heraus und versuchten das Weite zu suchen. Der neben mir stehende Militärpolizist legte seine Kalaschnikow auf mein Fahrzeugdach und schoss mehrere Garben auf die flüchtenden Personen, junge Deserteure, bis sein Magazin leer war. Einer hatte sich ergeben, wurde aber aus einer anderen Richtung auch noch erschossen. Ich zitterte am ganzen Körper, mein Gehör war völlig taub. Wie ich nach Baghdad kam kann ich nicht mehr nachvollziehen, habe keine Erinnerung mehr. Ekel und Hass kamen in mir auf. Mir war übel vom Alkohol, den ich wohl getrunken hatte, um das Gesehene zu verdrängen. Ich stand in der Küche und trommelte mit einer Holzkelle auf die Nirostahlwaschplatte. Die Schläge wurden immer lauter bis die Holzkelle nicht mehr brauchbar war. Manch einer wird sich fragen, warum schreibt der so etwas auf. Es war halt so, verrückt oder? Meine Verfassung war etwas angeschlagen, Erinnerungen kamen hoch. Erinnerungen an meinen Vater, welcher kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee bei uns im Garten fünfzehn Menschen begraben hatte, darunter fünf Kinder. Alle fünfzehn Menschen wurden von einer Ehefrau eines SS- Arztes Dr. Ostendorf erschossen, weil der Endsieg nicht verhindert werden konnte und die Russen uns alle töten würden. Ich sehe meinen Vater noch immer vor Augen, wie er am Grab sitzt und eine Flasche Schnaps austrinkt und ich wollte wissen, ob wir auch sterben müssen. Er meinte nur, es wird keinen Krieg mehr geben. Er hatte leider Unrecht.

Meine Ansprechpartner bei den Organisationen für weitere Geschäfte waren meist mit anderen Aufgaben beschäftigt, als sich mit mir über Projekte und Angebote zu unterhalten. Die vielen Privatkunden der Plast- und Elastverarbeitungsindustrie hatten zwar Bedarf, aber keine Importlizenzen, kein Rohmaterial mehr und ungenügende Stromversorgung.

Die Situation innerhalb der noch anwesenden Mitarbeiter aus den unterschiedlichen Bereichen war auch nicht gerade rosig. Alkoholismus war leider an der Tagesordnung. Schnaps wurde selber gebrannt, um damit den Geist zu betäuben. Die Briefe aus der Heimat waren auch nicht gerade aufbauend. Einige Briefe habe ich in dieser persönlichen Erinnerung, wer mal lesen will, teilweise etwas gekürzt  aufgeschrieben und beigefügt. Hierbei insbesondere Briefe von meiner Frau. In diesen Briefen kommt besonders zum Ausdruck ihre Verzweiflung über meine Rücksichtslosigkeit gegenüber der Familie und über den Krieg. Aus den Jahren 1983/84 liegen Briefe bei aus der Korrespondenz mit guten Freunden, so u.a. Prof. Wolfgang Ruge über das Thema Krieg und Frieden.

Meine Nerven lagen auch oft blank, die Belastungen und die ständigen Unsicherheiten waren teilweise unerträglich. Gesprächspartner aus der eigenen Truppe oder aus Partnerunternehmen sowie aus dem Bereich der Botschaft mit denen man sich über bestimmte Probleme oder gar persönliche Dinge austauschen konnte, gab es nicht. Entweder waren es tausendprozentige Genossen, welche nur das machten, was von der Zentrale kam, oder undurchsichtige Kader mit einer Tendenz, für die Sicherheitsnadeln zu arbeiten. Und dann gab es einen Teil, welcher gerne gesehen hätte, dass ich bestimmte Probleme auf den Tisch der Botschaft und des Handelsrates vorbringe. Sie selber aber nicht den Mut haben, wenn es hart auf hart kommt, zu einer bestimmten Sache auch das nötige Rückgrat zu haben. Sie hielten dann stille und schwenkten um 180 Grad um. Gerade diesem Teil von Kadern ging es, wenn man es ehrlich betrachtet nur um das Geld. Jeder Tag in Baghdad bringt gutes Geld auf die Konten. Würde man diesen Leuten sagen, hier ist dein Pass, morgen wirst du evakuiert, dann würden sie fürchterlich schreien und ihre Notwendigkeit zum Verbleib in Baghdad begründen.

Die weiter oben genannte Situation sollte es doch erlauben, dass ich mal für ein paar Tage nach Hause fahren dürfte. Außerdem wurde die Situation im Alltag mit Engpässen, Strom und Wasserausfällen, Benzin und Gas auch immer bedrückender. „Maku": bedeutet soviel wie „nicht vorhanden, gibt es nicht". Der Iraq ein Maku-Land, aber Krieg führen und wir dulden das.

Am 22.12.1980 lag ein B-Kabel in der Botschaft vom Generaldirektor Dr. Jost Prescher vor. Am 23.12. konnte ich es einsehen. Welcher Schweinepriester darauf saß, weiß ich zwar, möchte mir aber lieber verschweigen. Jedenfalls stand im B-Kabel, dass Ausreise sofort erforderlich zur Teilnahme an der TKB-Leitertagung  dringend  erforderlich.

Mit einem fingierten Telex hatte ich noch die Ausreise für zwei meiner Mitarbeiter erreicht, sodass sie auch mit nach Berlin ausreisen durften. Glücklich fuhren wir im letzten 1980 vollbesetzten Wüstenschiff, so wie die Reisebusse genannt wurden, nach Damaskus durch die Wüste gen Heimat. Baghdad lag hinter uns, vorbei an Abu Ghraib, dort hatten wir eine Werkstatt im Aufbau, über Ramadi und dann Rutba. Als wir die Grenzkotrolle in Rutba überstanden hatten, waren wir alle erleichtert und froh für ein paar Tage in eine friedlichere Gegend zu kommen, Wobei ja Syrien auch nicht gerade friedlich war und ist. Man hatte gerade in letzter Zeit Tausende von Menschen in einem Massaker umgebracht.

Noch kurz vor Abfahrt unseres Wüstenschiffes mit einem Kofferanhänger, brachten noch zwei zurückbleibende  Männer ihre Koffer an, mit der Bitte, dass ihre Frauen, welche schon evakuiert waren auf ein paar Sachen warten für sie und die lieben Kinderchen. Übergepäck ist geklärt, ich hätte keine weiteren Sorgen, nur die Übergabe an die lieben Frauen. Weil  sie so jammerten, gab ich nach und stimmte zu, ich hatte ohnehin  wenig Gepäck, was soll es, wenn man einem einen Gefallen tun kann. Die Fahrt durch die Wüste nahmen wir alle gar nicht so richtig wahr, wir waren in den Gedanken schon bei unseren Frauen und Kindern. Die ruppige Behandlung beim syrischen Grenzübergang nahmen wir gelassen hin.

Am Flughafen in Damaskus nahm ich mein weniges Gepäck an mich. Als ich den ersten Koffer eines der Herren anfasste, riss der Henkel ab. Der zweite war nicht so schwer, wenn man 50 Kilo nicht gerade als schwer bezeichnet. Meine beiden Mitstreiter und ich hatten große Schwierigkeiten, alles bis zum Abflugschalter zu bringen. Übergepäck war nicht klar, aber wir konnten innerhalb der Gesamtmasse der abfliegenden Leute das Gepäck gewichtsmäßig unterbringen. Vorweg gesagt, das Problem in Berlin mit dem Gepäck ging weiter. Der schwerste Koffer sollte in den Süden der DDR. Er enthielt Fliesen, ja richtig gehört Fliesen, eine Mangelware in der DDR. Diesen Fliesenkoffer deponierte ich in Schönefeld. Die Ehefrau war recht sauer, weil ich den Koffer nicht sofort per Bahn an sie weitergeleitet hätte, Wie solle sie denn an das Zeug kommen. Auch das hatte ich noch erledigt. Aufbewahrungsgebühr und Frachtrate bei der Reichsbahn bekomme ich noch immer.

Der zweite Koffer ging nach Berlin, also kein Problem, nehmen diesen gleich mit in unsere Wohnung. Einen Anruf bei dieser Frau war auch nicht gerade berauschend. Sie, Sekretärin beim Parteisekretär der Botschaft und noch einen Zahn besser als ihr Boss, wollte von mir wissen, was ihr Kerl in Baghdad in den Koffer gepackt hätte. Auf meine Antwort, ihr Mann meinte Sachen für sie und die lieben Kinder, wutschnaubend, ist denn der Kerl nun schon total übergeschnappt und wie bekomme ich nun den Koffer, das Auto wäre in der Werkstatt. Ich war recht wütend am Telefon und meinte, dies wäre mir scheiß egal und wünschte ihr noch einen netten Weihnachtsmann und den Weihnachtsbaum voll behangen mit Jahresendelementen und legte auf.

Überglücklich nahmen meine Frau und meine Familie mich in Berlin in Empfang. Weihnachten in Familie, das war ein schönes Geschenk für mich, hatte doch wohl meine Frau Jost Prescher überzeugt, dass ich nach Hause kommen muss, nicht nur zur jährlich stattfindenden Tagung ab 3. Januar 1981.

Auf der Tagung wollte man von mir einen Vortrag hören, wie es zu diesem Krieg kommen konnte. Der Parteisekretär des Unternehmens, Hans Coppi, bekannt durch seine Eltern welche in der faschistischen Zeit  ermordet wurden, meinte nur, es müsse auch ein politischer Vortrag sein und aufzeigen, welche Rolle die kapitalistischen Länder dabei spielen und insbesondere die BRD. Ich fing also im Urschleim an, weit zurück liegend.

Am 17. Juli 1968 war Saddam Hussein maßgeblich am erfolgreichen zweiten Umsturzversuch seiner Partei beteiligt und übernahm in der Folge unter dem Staatschef und Generalsekretär Ahmed Hassan al-Bakr das Amt des stellvertretenden Generalsekretärs sowie 1968 das des Vizepräsidenten des Revolutionären Kommandorates, der über uneingeschränkte gesetzgebende und exekutive Befugnisse verfügte. Nach parteiinternen Auseinandersetzungen, die zugunsten seines, des militärischen Flügels endete, war Hussein Anfang der siebziger Jahre unangefochten der mächtigste Mann in der Partei und im Staat hinter al Bakr. 1976 ließ er sich zudem ohne jegliche militärische Laufbahn zum General ernennen. Nach dem Rücktritt al Bakrs am 16.Juli 1979 wurde dessen Nachfolger als Staats-und Regierungschef sowie Generalsekretär der Baath-Partei ernannt und übernahm den Oberbefehl über die Streitkräfte.

Unmittelbar nach der Machtübernahme säuberte Hussein Partei und Regierung unter dem Vorwurf des Putschversuches von missliebigen Personen, beförderte Mitglieder seines Familienclans in einflussreiche Positionen und baute einen repressiven Überwachungsstaat auf, in dem jede Art von Opposition mit Gewalt unterdrückt wurde. Dabei ging er auch wiederholt mit äußerster Härte gegen Schiiten und Kurden vor. Auf der anderen Seite florierte, dank der Erdölexporte die Wirtschaft, und da die Erdölindustrie seit 1972  größtenteils verstaatlicht war, kam das Wirtschaftswachstum auch der breiten Bevölkerung zugute. Dies, sowie eine Reihe Reformen wie etwa die berufliche Gleichstellung der Frauen verschaffte dem Regime breite Zustimmung. Diesen Vorspann musste ich streichen und fing so in etwa an.

1976 schloss der Iraq Verträge mit Frankreich zur Lieferung von Uran, Waffen und Reaktoren ab. Bereits wenige Jahre später lieferte Frankreich bereits 40 Prozent seiner Waffenexporte nach dem Iraq, in ein Land das seit 1958 keine Monarchie mehr ist. Am 14.Juli 1958 hatte Militär, Baath-Partei und die KP König Feisal II gestürzt. Danach stehen dem Iraq turbulente innenpolitische Jahre bevor. In deren Mittelpunkt die Auseinandersetzungen zwischen KP und Baath-Partei. Im April 1971 bildet die Partei deren zweiter Sekretär Saddam Hussein ist, zusammen mit der KP und Kurden eine Nationale Front. Nach dieser Zeit baut dieses Regime seine Machtpositionen brutal aus. Saddam Hussein übernimmt 1979 in Baghdad die Ämter des Staats und Armeechefs und ist an der Spitze der Baath-Partei. Dieses Regime ist auf harte Machtfaktoren gegründet. Bei den Faktoren der Macht handelt es sich  in erster Linie um den Militärapparat, mit dem man auch gegen den Widerstand der Gegenseite den eigenen politischen Willen aufzuzwingen und durchzusetzen vermag.

Dies geschah mit Hilfe der Amerikaner. Ich schaute auf Hans Coppi, der verdrehte die Augen und meinte wohl auf mich schauend, ich solle mich kürzer fassen oder andere Worte für Regime wählen. Ich ignorierte seine Blicke und fuhr fort. Saddam Hussein erkennt den Grenzvertrag zwischen dem Irak und den Iran nicht mehr an. Die Folge ist, dass er die ehemals irakische Ölexportader „ Schatt al-Arab"  für den Iraq beansprucht. Dass ein Regime  auf sanften Machtfaktoren beruhen kann, habe ich erst gar nicht erwähnt, denn ich merkte, dass meine Ausführungen nicht gerade überzeugend wirken und meine Mithörer das mit dem Baghdad –Regime nicht so richtig verstanden haben oder verstehen wollten. Vielleicht habe ich mich auch etwas verquickt ausgedrückt. Ich schloss meinen Vortrag, dass Saddam Hussein seine Armee in den Iran einfallen ließ. Husseins Ziele sind nicht nur die Ölquellen, sondern auch die Ausbreitung der Vormachtstellung des Iraqs im persischen  Golf und die unbedingte Annektierung  der ölreichen südwestlichen Provinz Khusistan. Saddam bekommt tatkräftige Unterstützung von den Amerikanern, die die Armee mit den neuesten Waffen ausrüsten. Die Iraner bekommen ihre Ausrüstungen von der UdSSR gesponsert, was auf den damaligen Kalten Krieg zwischen den Amerikanern und den Sowjets  zurückgeht.

Das Resultat ist, dass aus dem erdachten „ Blitzkrieg " was einem ein wenig bekannt vorkommt, ein jahrelanger Stellungskrieg wird. Hunderttausende fallen dem Krieg zum Opfer und Millionen obdachlos. Es werden zahlreiche Provinzen verwüstet oder gar zerstört, ehe ein Frieden kurzzeitig eintritt. Es würde kein kurzer Krieg werden, sondern ein langandauernden Krieg mit schweren Folgen für die Regime auf beiden Seiten.

Es gab im Prinzip nur zwei Fragen nach meinem Vortrag, welcher natürlich weit aus ausführlicher war als oben dargestellt.

  • Wie hoch ist das Angebotsvolumen für unser Unternehmen im Folgezeitraum unter Beachtung der derzeitigen Situation.
  • Wenn wir aufhören sollten mit unseren Aktivitäten, welche Länder würden dort einsteigen.

Die erste Antwort lautete von mir zirka 50 Millionen US $ für die nächsten 3-4 Jahre. Und die Antwort auf die zweite Frage wurde wie folgt beantwortet. Man sitzt in den Startlöchern, an erster Stelle die BRD, gefolgt von England und Frankreich.

Damit war mein weiterer Einsatz besiegelt. Am 13.1.1981, einen Freitag der Dreizehnte, wenn das man gut geht, fuhren meine Frau, welche sich wieder erholt hatte und ihren Mann nicht allein nach Baghdad fahren lassen wollte und ich nach Baghdad zurück mit dem Wüstenschiff von Damaskus aus. Auf dem Flughafen Schönefeld trafen wir noch einen Freund von uns, welcher beim Flugpersonal der Interflug war. Er meinte, zeitversetzt werden in Diepensee Frachtmaschinen beladen für den Iran und für den Irak, wie es aussieht, da alles streng geheim, mit Spielzeug. Wir waren gespannt, wie die Situation sich in Baghdad zeigen wird. Die Informationen am Flughafen von Damaskus sahen gar nicht mal so schlecht aus. Die Angriffe der iranischen Luftwaffe kamen völlig zum Erliegen, da der Iraq fast alle iranischen Kampfmaschinen am Boden zerstört hatten. Das wussten wir ja schon, aber neu für uns, dass der Iran jetzt sporadisch, willkürlich Boden-Boden Raketen einsetzt, geliefert von unseren Freunden. Diese Raketen werden doch wohl nicht einen Sozialisten aus der Deutschen Demokratischen Republik treffen. Im Frontbereich tobte ein unerbitterlicher Kampf auf beiden Seiten. Der Einsatz von Giftgas und anderen chemischen Mittel wurde zur Routine. Furchtbare Bilder werden in den  TV-Nachrichten gezeigt, man konnte sie einfach nicht mehr sehen. Als wir in Baghdad wieder ankamen, hörten wir gerade noch die Entwarnung eines erneuten  Raketennagriffes, ganz in der Nähe unseres Wohnhauses.

Die Strecke Baghdad – Damaskus, 840 Kilometer und umgekehrt, war uns vorbehalten für einen längeren Zeitraum als Verkehrsweg in die Heimat und zurück mit dem besagtem Wüstenschiff ohne Klimaanlage. Zur Abholung bzw. Rückführung hochrangiger Chefs, musste ich mehr als zwanzig Mal die Strecke mit dem PKW zurücklegen zur Abholung und Rückführung. Man konnte doch nicht zumuten, dass diese Genossen den Linienverkehr per Wüstenschiff nehmen. Es gab auch in der DDR eine Zweiklassen-Gesellschaft. Egal. Die Wüstenfahrt war mitunter nicht gerade ungefährlich. Die Piste ist übersichtlich und in einem doch recht gutem Zustand. Schnurgerade, plötzlich ein kleiner Hügel, die Luft flimmert und vor dir erhebt sich eine Fatamogana. Man kann es nicht glauben. Das ist aber nicht das Gefährliche, gefährlich sind die Sandstürme. Zwei Windschutzscheiben hat mich das gekostet. Sie waren matt, wie vom Sandstrahlgerät bearbeitet. Auf einer Alleinfahrt fiel mein Vergaser aus, Vereisung, der Motor stotterte. Ich war besorgt und hielt Ausschau nach einem Wrack japanischer Herkunft. Das ist in der Wüste recht einfach, denn sie wird als Müllkippe leider benutzt. Unrat und vor allem Plasteabfall und Autowracks aller Art findet man genügend. Ich hatte Glück, fand in einer Reisschüssel, also eine japanische Marke, einen passenden Vergaser. Aus- und Einbau ist mir gelungen. Die Japaner haben doch ein gutes Verhältnis zur Normung und Austauschbarkeit. Wenig erfreulich verlief eine unerhoffte Rückreise von Damaskus nach Baghdad. Dazu die Vorgeschichte. Wir hatten unsere wohlverdiente Urlaubsreise in die Heimat mehrfach verschoben, wegen anstehender wichtiger Vertragsverhandlungen. Meine Frau meinte es waren dreizehn Terminverschiebungen. Sie hatte die Nase gehörig voll, wie man so sagt und fuhr allein in die Heimat ohne ihren Mann, ich könne ja nachkommen. Nach einen klärenden Gespräch mit meinen irakischen Partnern, meinten selbige, dass ich ruhig fahren könne, denn in den nächsten fünf Wochen passiert nichts, es ist sowieso Ramadanzeit. Ich informierte meinen Handelsrat Horst Runge, selbiger war noch recht neu im Iraq und vom Typ eines Buchhalters. Meine Mitarbeiter wussten auch Bescheid und kannten meine Order, wie sie sich im Ernstfall für einen Vertragsabschlusstermin zu verhalten hätten. Ich fuhr also gen Heimat. Wir lagen am schönen Ostseestrand auf der Insel Rügen, da kam ein Telegramm aus Berlin mit der Aufforderung Berlin sofort aufzusuchen mit Weiterreise nach Baghdad. In Berlin informierte man mich über ein B-Kabel meines Handelsrates aus Baghdad mit dem Inhalt, dass der irakische Partner

beabsichtigt den Vertrag zu unterschreiben. Baumgartens Anreise sofort vollziehen. Keiner meiner Leute vertraute meinen Ausführungen, dass dies völliger Blödsinn wäre. Beabsichtigt ist zwar richtig, aber nicht während des Ramadans. Hatte noch versucht meine Leute in Baghdad zu kontaktieren, aber meine Ausreise mit einem meiner Chefs war gebucht.

Der Direktflug Berlin–Damaskus, also mit einer Anschlussverbindung mit dem Wüstenschiff war nicht möglich, da nur einmal pro Woche das möglich war. Man buchte uns über Helsinki, Nikosia, Beirut und dann nach Damaskus. Unsere Reisestelle hatte wirklich eine Meisterleistung vollbracht, aber ein Vorteil für mich. Ich konnte mir in Helsinki bei Nacht ansehen und wieder mal die Stadt Beirut. Hatte Beirut lange nicht mehr gesehen. Es war wohl 1968. Eine schöne Stadt und die kulturreiche Umgebung. Jetzt, Beirut eine schlimme Stadt nach dem Bürgerkrieg, einfach unvorstellbar. In Damaskus angekommen gab es keine sofortige Möglichkeit für eine Weiterreise. Mein Kollege vom gleichen Unternehmen in Damaskus war nicht greifbar und die DDR-Handelsvertretung fühlte sich nicht als Reisebüro zuständig. Mein Chef, ein riesengroßer Kerl mit einem Hang zum Whisky und etwas überheblicher Art mit Menschen umzugehen, war schon leicht angesäuert, da nicht alles so klappte nach seinen Vorstellungen. Ich informierte meinen Mitarbeiter in Baghdad, dass er mich in Rutba abholen soll. Über einen syrischen WMW-Vertreter organisierte ich ein Fahrzeug mit Fahrer, welcher uns nach Rutba bringen sollte. Rutba ist der irakische Grenzkontrollpunkt, ca. 200 Kilometer von der offiziellen syrisch-irakischen Grenze entfernt. Der Preis wurde verhandelt. Die Hälfte angezahlt und ich habe den Fahrer mehrmals gesagt, dass er uns in Rutba absetzen muss auf der irakischen Grenzstation. Beide Kontrollpunkte an der offiziellen syr/irak. Grenze sind nur selten besetzt. Der Fahrer hatte uns bei Gott bestätigt, dass er uns nach Rutba bringt. Wir rasten los mit einen höllischen Tempo. Im Gepäck hatte ich schon einige Büchsen und Lebensmittelvorräte eingepackt. Büchsen mit Salzheringen. Eine Delikatesse als Vorrat, wenn unser Urlaub wieder vorbei ist. Ich glaubte zu erkennen, mein Chef hatte den Federhalter für die Vertragsunterzeichnung schon in der Hand. Besorgt fragte er mich, ob er eine Unterschriftsvollmacht vorlegen muss. Ich sagte nur, es gibt keine Unterschrift und wenn dann hatte er doch mich, ich würde das bestätigen. Er schaute mich entgeistert an, als wenn er die arabische Welt nicht so richtig versteht. Er sortierte seine in Damaskus gekauften Knoblauchzehen. In der DDR gab es zurzeit keinen Knoblauch. Er machte die Arbeit sehr sorgfältig. In Öl eingelegt könnte er sie lange einlagern.

Etwa fünfzig Kilometer vor der offiziellen syr./irak. Grenze wurde unser Kumpel-Kraftfahrer immer langsamer und fing regelrecht an zu jammern. Er sei Syrer, hat Familie und wenn die Iraker seinen Pass sehen wollten, den er nicht mit sich hat, würden sie ihn verhaften und in den Kalabusch (Gefängnis) bringen. Das Auto würden sie ihm klauen und viele andere Dinge würden passieren. Er war jedenfalls nicht bereit, uns nach Rutba zu bringen. Wir hatten keine Möglichkeit diesen Menschen umzustimmen. Er konnte einem richtig Leid tun, so jammerte er. Wir mussten aussteigen in der Wüste und liefen noch etwa fünfhundert Meter bis zur irakischen Seite. Eine Wellblechbude, nicht größer als zehn Quadratmeter. Darin hockten zwei Soldaten und staunten über uns wie ein Weltwunder. Für sie völlig unbegreiflich, zwei Europäer zu Fuß über die Grenze mit Gepäck und wollen nach Baghdad. Die Unterhaltung verlief in arabischer Sprache. Das syrische Wasser, was wir mitführten, schmeckte den beiden Soldaten nicht so richtig. Sie machten uns wenig Hoffnung auf eine schnelle Weiterreise nach Rutba zu meinem Mitarbeiter, der schon einige Zeit dort wohl auf uns wartet. Joachim Betke war ein zuverlässiger Mitarbeiter. Ein Mecklenburger, Spezialist für den Elektronik-Bereich für moderne Plastverarbeitungsmaschinen. Wird er auf seinen Chef und den großen Boss aus der Heimat warten? Dagegen war mein Chef aus Berlin völlig entnervt, die Hitze und vor allem die Ausweglosigkeit. Kein Auto oder geeignetes Verkehrsmittel in Aussicht. Auf der Schnellfahrt von Damaskus bis hierher hatten wir kein Fahrzeug überholt. Er fragte mich wieder, was sollen wir tun, wir tun überhaupt nichts. Wir warten und unterhalten die Soldaten. Ich glaube wir warteten fast drei Stunden in sengender Hitze. Ich verfluchte alles Mögliche und handelte mir nicht gerade positive Punkte bei meinen Chef ein. Wir kannten uns schon aus Indien. Heute würde ich sagen ein arroganter, überheblicher menschenverachtender Typ, welcher in jeder Gesellschaftsordnung seinen Weg macht. Meine Fischdosen hatten bereits eine Bombage bekommen, also Entsorgung auf arabischer Art. Richtung Syrien schauend  sah ich einen  Kleinbus kommen. Ich wies die Soldaten an, den Kleinbus zu stoppen. Sie gehorchten mir, denn ich sagte ihnen, dass ich der Boss bin von WMW. Mein Chef fragte mich wie wir in den vollbesetzten Bus Platz finden. Ich sagte nur, das ist unser Bus. Unsere Koffer landeten auf dem Dach des Busses, mein Chef fand Platz auf dem innenliegenden Motorraum, ich saß hinter der Schiebetür des Busses auf meinem Aktenkoffer im Trittbrettbereich. Der Bus war voll, es roch nach Schweiß und Knoblauchduft. Eine gemischte Gesellschaft, von der stillenden Mutter mit Kleinkind, eine Bäuerin mit zwei lebenden Hühnern, bis hin zu einem arabischen Geschäftsmann. Dieser Herr sagte im akkuraten Englisch, dass sich der Herr auf dem Motorraum wohl seine Fleischklöße kochen wird. Ich musste herzhaft lachen, obwohl mich mein Hinterteil auf meinen Koffer auch sehr schmerzte durch den Bügel.

Rutba erreicht, Grenzkontrolle, später Abend. Durch einen Zufall entdeckte ich Visitenkarten meines Kollegen an verschiedenen Stellen der Kontrollbaracke. Der Kollege war wirklich eine treue Seele, aber eine zehnstündige Wartezeit war wohl zu viel für ihn in der Hitze und er nahm an, dass wir uns vielleicht verfehlt hätten. Fünfzehn Minuten vor unserer Ankunft hatte er Rutba verlassen. Unsere syrischen Mitreisenden hatten einen anderen Schalter zu nutzen. Wir hatten eine Sonderbehandlung, unsere wertvollen DDR-Pässe verschwanden hinter einer Luke. Mein Chef sagte empört zu mir, die können doch nicht unseren DDR-Pass einfach so wegnehmen, was machen die Blödmänner damit. Ich kannte das Theater ja schon und meinte nur es wäre besser ruhig zu sein. Unsere DDR-Grenzer verstehen ja auch keinen Spaß, anscheinend hast du das schon wieder vergessen. Meine  Bemerkung fand natürlich bei ihm keine besondere Anerkennung. Unsere  Anwesenheit und unsere Pässe wurden bestaunt. Man stellte fest, dass mein Chef einen Stempel im Pass vom Airport in Teheran  enthielt, wahrscheinlich von einer Durchreise, außerdem der Stempel in unseren Pässen von Beirut. Man wollte mich nicht verstehen, wir landeten im  Kalabusch – Knast. Was tun sprach Zeus, die Götter sind besoffen, sagte ich nur. Nur die Ruhe bewahren. Mein Chef ließ sich nicht beruhigen, dass einige meiner Mitarbeiter, wegen Kleinigkeiten, wie Verkehrsdelikte  oder weil sie Brücken am Tigris fotografiert hatten, für zehn bis fünfzehn Tage eingebuchtet wurden und anschließend des Landes verwiesen. Da hatten sie noch Glück im Unglück, so manch ein Ausländer wurde erschossen auf offener Straße bei Verkehrsdelikten besonders im Bereich von Saddam Hussein Palästen. Und wir haben verdächtige Stempel im DDR Pass.

Es gelang mir den Leiter der nicht gerade netten Einrichtung zu sprechen. Ich sagte auf Arabisch ungefähr etwa so: Ich begrüße Sie lieber Freund im Namen Gottes, ich freue mich auf die Bekanntschaft mit Ihnen. Ich habe ein dringendes Problem, ich und mein Freund, ein hoher Chef, müssen dringend nach Baghdad. Sie müssen wissen, ich arbeite für WMW (das hört sich an wie BMW) und bauen Autoreparaturwerkstätten für die irakischen Kampfgruppeneinheiten und der Chef ist der große Ramadan und morgen so Gott will, soll ein wichtiger Vertrag unterschrieben werden. Das hatte gereicht und wir wurden entlassen mit vielen Entschuldigungen und Wangenkuss. Man stellte uns einen großen klimatisierten Bus zur Verfügung und wir fuhren allein ohne Mitreisende nach Baghdad. Frühmorgens erreichten wir Baghdad, völlig verdreckt. Nach einer kurzen Wäsche in unserem Haus, machten wir uns auf zur Organisation. Nicht angemeldet, mussten wir etwas warten nach arabischer Zeitmessung. Ich zählte wieder die Bodenfliesen im Wartesaal. Es waren 276 Stück, keine mehr oder weniger. Dann kam der große Auftritt. Hallo Mister Baumgarten, who told you to come? Hallo Herr Baumgarten, wer hat Ihnen denn gesagt, dass Sie kommen sollen?

Wir beabsichtigen den Vertrag zu unterschreiben, die Kaufabsicht hatten wir Ihnen gegeben und der gesamte Vertrag wurde von Ihnen und uns signiert, Seite für Seite. Die Unterschrift erfolgt nach dem Ramadan, so Gott will. Wir verließen Baghdad nach einem Raketenangriff der Iraner auf Baghdad wieder über die Piste durch die Wüste. Ich hoffte, dass mein Chef gelernt hat, dass man eine Vertragsunterschrift mit deutscher Mentalität im arabischen Raum nicht umsetzen kann. Was ist unser Leben schon gemessen an der Ewigkeit. In Baghdad fuhren auffallend viele amerikanische PKW´s vom Typ Chevrolet. Ein Geschenk von Saddam Hussein für jeden gefallenen Märtyrer. Uns fiel besonders die aggressive Fahrweise der Besitzer auf. Wir erlebten außerdem vor unserer Abreise ein mächtiges Abwehrfeuer rings um Baghdad. Wir dachten schon an einen Luftangriff der Iraner oder wieder ein gezielter Angriff der Israelis. Es war aber nur ein Freudenfeuer der Iraker über ein gewonnenes Fußballspiel gegen Kuwait. Erst das Fernsehen hat seine Helden aufgefordert das Feuer einzustellen und die Munition für den Endsieg aufzuheben.

Unser Einsatz endete Ende 1985, Sicherlich noch hochinteressante vier Jahre mit vielen Höhen und Tiefen. Wir haben viele interessante Menschen unterschiedlicher Glaubensrichtungen kennen gelernt. Haben die Schönheiten und Kulturstätten des Landes aufgesucht. Haben praktisch das ganze Land bereist, auch wenn es teilweise verboten war, doch man ist immer wieder auf freundliche, hilfsbereite Menschen gestoßen.

Wir haben mit diesen Menschen schöne Stunden erlebt bei Hochzeiten und anderen Begebenheiten. Wir haben aber auch ihre Leiden und Probleme kennen gelernt. Oft habe ich auf meinen vielen Fahrten von Baquba nach Baghdad Soldaten in meinem PKW mitgenommen, Kurzurlauber von der Front, welche auf dem Weg zu ihren Familien waren. Sie berichteten über die Zustände im Frontbereich. Sie berichten über den Überlebenskampf, dass sie tausende junge iranische Krieger, meist noch Kinder, oft ohne Waffen täglich erschießen. Sie berichten über das brutale Verhalten ihrer Vorgesetzten.

Wir haben uns natürlich auch entsprechend verhalten, wir haben uns bescheiden verhalten, haben die nationalen Verhältnisse geachtet, aber auch toleriert.

Der Erfolg im Handel mit dem Iraq auf dem staatlichen Sektor, sowie privaten Bereichen lief trotz des anhaltenden Krieges  sehr gut. Na klar hatte man  gemischte Gefühle über den Einsatz von gelieferten Werkzeugmaschinen oder kompletten Anlagen in irakischen Betrieben und Organisationen. Jeder dieser Erzeugnisse, nicht nur aus dem Bereich des Verarbeitungsmaschinenbaues, kann für die Herstellung, Verarbeitung, Reparaturen und Einsatz für die Herstellung kriegerischer Zwecke genutzt werden. Man hat vorher keine Kenntnis darüber, wie der oft unbekannte Abnehmer die Erzeugnisse einsetzt.

Beispiel. Der DDR-Vertreter für Straßenwalzen war stolz, tausende Straßenwalzen zu liefern an den Irak, wie auch der Vertreter von Techno-Commerz, unzählige Großpumpen verkaufen konnte. Straßenwalzen wurden eingesetzt für den Bau von Straßen im Frontbereich. In kurzer Zeit wurden dort 800 Kilometer Straßen gebaut für den Nachschub. Großpumpen  hätte oder hat man eingesetzt um große Flächen im Rückzugsfall mit Wasser aufzufüllen, also Überflutung und somit Gelände nicht befahrbar gemacht. Werkzeugmaschinen hätte bzw. hat man eingesetzt zur Herstellung von Granaten oder die Erhöhung der Produktionsgrößen. Bei Reparaturwerkstätten für Straßenbaumaschinen und landwirtschaftlichen Maschinen wurden nicht nur Erntemaschinen oder Straßenbaumaschinen repariert, sondern Militärfahrzeuge mit dem Stern am Kühler oder Faun-Lastenträger für Panzer. Oder die Anlagen wurden genutzt zur Reparatur von Panzermotoren. Selbst bei der Entsendung von Experten nach dem Iraq war man nicht sicher, ob selbige für friedliche Aufgaben eingesetzt werden. Zum Beispiel suchte man Tieflochbohrer für überlange Hydraulikrohre. Das waren Langrohrgeschütze. Was wäre passiert, wenn wir nicht die Lieferverträge erfüllt hätten, sofern wir die spätere Verwendung erfahren hätten. Damals hatte ich keine Skrupel, denn wenn die DDR nicht geliefert hätte, wäre ein anderes Land eingesprungen, also erfüllen wir die Verträge. Die irakische Seite war da eben konsequenter, wir mussten uns verpflichten bei Abschluss der Verträge, keine Handelsverträge mit Israel einzugehen. Ob das die westlichen Länder auch eingehalten haben  ist mir nicht bekannt.

Ja ich hatte gedacht als ich mich 1980 auf meinen Einsatz vorbereitete, dass ich im Iraq komplette Anlagen verkaufen würde für die Herstellung von Kinderspielzeug, Lehrwerkstätten für die metallverarbeitenden Industrie, Anlagen für die Herstellung von Konservendosen usw. Wie würde ich heute entscheiden? Eine Antwort fällt mir schwer, ich habe keine.

Mit dem Kriegsbeginn zerplatzte diese Hoffnung. Die DDR hielt fest daran mit Kriegsbeginn den Iraq im antiimperialistischen Kampf und im Recht auf Unterstützung des palästinischen Volkes  gegen die Angriffe und Siedlungspolitik durch Israel ihre so genannte Solidarität unter Beweis zu stellen. Man muss nicht denken, dass die irakische Führung diese Solidarität der DDR entsprechend honoriert hätte ohne wenn und aber für bessere und höhere Handelsaussichten. Geschweige sich Vorteile im Preis beim Verkauf ergeben hätten. So waren die Preisverhandlungen mit dem zuständigen DDR-Unternehmen für den Verkauf von LKW W50/60 für die irakische Armee mehr als entwürdigend. Man verlangte einen Preis von unter 2000 US$. Wenn die DDR nicht nachgibt, werde man andere günstigere Angebote aus Japan, Frankreich oder England eingehen .Eine doch recht einseitige Freundschaftsbekundung. Es war sehr schwer dies den DDR-Offiziellen  immer klar zumachen. Wenig Freude hatte ich mit einigen irakischen Offiziellen. So einige Treffen mit Ramadan anlässlich der Übergaben von Reparaturwerkstätten, oder die Gespräche mit einem der Söhne von Saddam Hussein, Uday oder anderen Ministern des Iraqs. Sie waren alles andere als DDR freundlich gesinnt und eingestellt. Überheblich, anmaßend und eine gewisse Brutalität sowie Nichtachtung jeglicher Verhaltensnormen. Sie sind und waren ein Abbild ihres großen  Führers und Verfechter seiner Politik. Das Verhalten der hochrangigen irakischen Offiziellen anlässlich ihrer Besuchs- und Informationsreisen in die DDR, welche ich oft begleiten musste entsprach ganz und gar nicht meinen Vorstellungen über einen arabischen Verhaltenskodex und Moralvorstellungen.

Ganz anders waren die vielen Kunden aus unterschiedlichen religiösen Gebieten des Iraqs der plastverarbeitenden Industrie. Über 200 Plastspritzmaschinen und komplette Extrusionslinien wurden während meines Einsatzes geliefert und installiert. Nicht nur im Geschäftlichen war man gut ausgekommen, sondern auch von Mensch zu Mensch. Wir waren ständig willkommene Gäste in ihren Familien oder nahmen teil an besonderen Anlässen. Nicht selten mussten wir gerade bei unseren schiitischen  Kunden erleben, unter welchen Zwangsmaßnahmen und Verfolgung sie unter der herrschenden Führung litten. Besonders denke ich da an Abu Faisal aus Samara, jener Abu Faisal wurde standrechtlich erschossen, weil er sich weigerte den Kampfgruppen zu dienen. Oder Kadhum Al Hattaf, er wurde verhaftet, weil seine Telefonnummer bei einem ihm unbekannten Iraker, möglicherweise ein Inhaftierter, gefunden wurde. Kadhum wurde wochenlang erbarmungslos gequält. Wieder freigelassen war er ein alter Mann mit vielen Narben. Kurze Zeit später gelang die Flucht der ganzen Familie. Am Tag vor der Flucht hatten wir noch ein Treffen in seinem Haus. Seine Tochter Laila saß vor dem Fernseher und notierte etwas. Es waren die Kriegsnachrichten von der Front. Ich fragte Laila was sie da aufschreibt. Sie antwortete, dass sie für die Schule aufschreiben muss, wie viel iranische Soldaten durch die heldenhaften irakischen Truppen erschossen wurden und sie berichtete, dass heute über 12.000 getötet  wurden. Persönliche Erinnerungen wurden wach bei mir über Schulaufgaben aus den Jahren 1942 bis 1945.

Abu und Ali, Kadhums Söhne sollten in den nächsten Tagen zur Armee gezogen werden. Das Treffen war als Geburtstagsfeier für Kadhum deklariert. Viele uns bekannte Gäste waren geladen, ob sie alle wussten, dass Kadhum nebst Familie am nächsten Tag nicht mehr in Baghdad sein wird? Ich hatte einen guten Freund verloren. Kadhums Helfer für die Flucht waren mir bekannte Armenier. Kadhum ging nach England mit der Familie, leider haben wir uns völlig aus den Augen verloren. Nur einmal hatte ich die Möglichkeit ihn zu sprechen. Er wirkte sehr entmutigt und hoffte, dass der Krieg bald vorbei ist und Saddam Hussein nicht mehr an der Macht ist. Das war 1986-( noch zwei Jahre Krieg und siebzehn Jahre Saddam Hussein). Viele andere irakische Partner sind in den folgenden Jahren verschwunden, gefoltert oder getötet worden. Nicht nur die irakische Bevölkerung hatte unter den Machtverhältnissen zu leiden. Die Behandlung der ausländischen Bürger, tätig im Irak war mit zunehmender Kriegsdauer sehr kritisch. Die schlechte Behandlung betraf nicht nur uns Europäern, sondern auch Arbeitskräfte aus Ägypten, Syrien, Sudanesen, Inder und Japaner. Selbst bei geringfügigen  Delikten wurden Haftstrafen ausgesprochen mit anschließender Abschiebung. Nicht selten, wie bereits erwähnt, wurden ausländische Bürger erschossen oder mit der Waffe bedroht, wie persönlich erlebt wegen Bagatellen.

Oft wurde ich nach unserem Einsatz befragt, wie es mit dem Iraq weiter geht, hat dieses Land atomare  und Waffen eingesetzt, hat es überhaupt noch Waffen und andere Potentiale, den Krieg weiterzuführen bzw. neue Kriege anzufangen. Weiterhin wurde gefragt, ob und wann man das diktatorische System ablösen kann und vor allem wie zum Aufbau einer Demokratie das Land zu führen.

Meine Antwort wie folgt: Um eine präzise Antwort zu geben hatte ich trotz meines fünfjährigen Aufenthaltes im Iraq in vieler Hinsicht die Sprachbarriere  verständlicherweise nicht überwunden. Ich erlebte das Land oft nur aus Übersetzungen durch meine vielen Kontakte. Nur wenn du die Sprache beherrschst, bist du in der Lage eine präzise Auskunft und Analysen zu geben. Ich bewundere deshalb immer wieder die Einschätzungen von dem bekannten Reporter Peter Scholl-Latour. Nachlesen, kann man nur empfehlen.

Trotzdem meine Meinung berufend auf Erlebnisse und Erfahrungen. Ich glaube nicht, dass die Aufbereitung atomarer Waffen im Iraq möglich war und ist. Das Atomzentrum, 1983 kurz vor der Fertigstellung durch Frankreich in einer überraschenden Aktion am 2. Pfingstfeiertag durch israelische Kampfflugzeuge teilweise zerstört mit einer hohen Zielgenauigkeit aus einer Höhe von 10.000 Meter. Unbemerkt waren die Israelis eingeflogen und wieder ausgeflogen.

Chemische Waffen wurden eingesetzt, bezweifle aber die Herstellung im Land. Die Vorbereitung der Herstellung sollte wohl in der Nähe von Samara erfolgen. Die Herstellung von Langrohrgeschützen war 1985 in Vorbereitung im Projekt Taji.

Der Iraq bezog aus vielen Ländern in ausreichender Menge Waffen und Waffensysteme aller Art. Die reichlichen Erdöllieferungen wurden trotz späterer Embargomaßnahmen niemals vollständig unterbrochen, um damit das erforderliche Geld für die Bezahlung im Handel mit Waffenlieferanten zu tätigen. Damit war die Frage beantwortet, wie lange der Krieg noch dauert und ob der Iraq noch weitere Kriege anfangen kann. Er kann und wird.

1990 wollten wir, meine Frau und ich den Iraq besuchen. Alte Freunde  und ehemalige deutsche Freunde wieder treffen. Es war nicht mehr möglich, der Krieg begann am 2.August 1990 kurz vor der geplanten Besuchsreise mit der Kuwaitinvasion. Unsere deutschen Freunde waren später unter den menschlichen Schutzschildern der Iraker zu finden.

In den Startlöchern für eine gute Position in der Zeit nach Saddam Hussein herrscht Gedränge. Den Sturz des Saddam Hussein hielt ich langfristig von Innen heraus für unmöglich und nicht machbar. Außerdem halte ich den Aufbau oder die Einführung demokratischer Verhältnisse für nicht durchführbar und erstrebenswert bei den unterschiedlichen religiösen Richtungen und  Gebietsinteressen. Der Iraq wird langfristig ein dauerhaftes Krisengebiet sein, welcher der arabischen Gemeinschaft nicht dienlich sein wird und ausländische Interessenten werden verstärkte Aktivitäten zeigen, besonders von den Amerikanern. Die ausländischen Aktivitäten werden kläglich scheitern.

Erdöl wird wohl perspektivisch dem Zweistromland keinen Frieden bringen, die Leidtragenden sind leider die irakischen Menschen.

Auf eine letzte Frage, von mir selbst gestellt: Habe ich in den fünf Jahren Iraq – Einsatz arabische Mentalitäten angenommen? Meine ehrliche Antwort: Wenn ich mit arabischen Bürgern zusammentreffe, macht meine Sippa auch noch klick, klack. Die Begrüßung klappt noch sehr gut, aber dann kommt das arabische „aber". Fünf Jahre haben tiefe Zweifel in uns hinterlassen über die unterschiedlichen doch recht  aggressiven Ausrichtungen des Islams. Ich bleibe lieber so wie ich bin und nehme nur die positiven Seiten aus Indien und dem Iraq mit für meinen noch verbleibenden Lebensweg.

Klaus Dieter Baumgarten 
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