Justina Dargel - die Seherin von Groß-Köllen



In dem Artikel von Dr. BRUNO SCHWARK werden das Leben und die Umtriebe von Justina Dargel als Seherin von Groß-Köllen betrachtet.

Auf Justina bin ich freundlicherweise von Ramona N. aus dem Ermlandforum aufmerksam gemacht worden. Sie hat mir auch zwei Publikationen bereitgestellt, die sich umfassend mit dem Schicksal der Seherin und ihrer Sekte befassen und die ich hier anführen möchte. Die umfassendere Darstellung findet sich in einem Artikel, der freundlicherweise vom Druck- und Verlagshaus FROMM zur Veröffentlichung hier freigeben wurde.

Groß-Köllen war eine Gemeinde im Landkreis Rösel. Weitergehende Ortsangaben finden sich im GenWiki.

 

Justina Dargel

Einen kurzen Abriss beschreibt Dr. Anneliese Triller:

Die Dargel-Sekte und ihr Auszug nach Triest 

Was neulich bei meiner kurzen Darstellung vom Leben und der Persönlichkeit des heiligmäßigen ermländischen Benefiziaten Bernhard Graw über die recht dürftigen Nachrichten, die uns heutzutage über ihn zur Verfügung stehen, gesagt werden musste, gilt diesmal in noch höherem Maße, und daher wiederum meine Bitte um Mithilfe bei der Vervollständigung* des recht knappen, eigentlich ganz "unfertigen" Stoffes. Ich möchte die Sache dennoch zur Kenntnis geben und zur Debatte stellen, da es sich um ein eigenartiges, wenn auch, auf das Ganze gesehen, tragisches Geschehen handelt, das sich vor etwa 60-70 Jahren im Ermlande abspielte. Meine Nachrichten darüber habe ich zum größten Teil aus dem Gedächtnis auf Grund der in der Heimat gesammelten, meist mündlichen Berichte, verdanke sie aber auch einer alten, heute in der Sowjetzone wohnhaften Frau aus Hohenfeld. Merkwürdig ist, dass eine Reihe älterer Ermländer mir berichteten, die Vorfalle hätten zu Lebzeiten ihrer Eltern großes Aufsehen erregt, während andere nie etwas davon gehört haben.

  Im Mittelpunkt  jenes Geschehens steht die etwa um 1860 geborene Bauerntochter Justina D a r g e l aus dem Dorfe Hohenfeld, nicht weit von der Passarge im Kirchspiel Elmdetten gelegen. Leider wissen wir bisher nichts über ihre Jugend und etwaige Einflüße, die ihre so besondere Entwicklung bedingt haben könnten. Justina behauptete jedenfalls, mit den Wundmalen Christi begnadigt worden zu sein und besondere Gaben der Prophezeiung zu besitzen. Es ist wohl anzunehmen, daß es sich dabei kaum um einen bewußten Betrug handelte (wie es z.B. später von einer Frau aus Basien erzählt wurde, die sich die Stigmata an Händen und Füßen durch Ansetzen von Blutegeln selber beigebracht hatte).

  Justina Dargel war anscheinend selbst von ihrer Begnadigung fest überzeugt, in die sie sich durch Selbstsuggestion immer mehr hineinsteigerte; und sie scheint tatsächlich große Fähigkeiten besessen zu haben, auch andere für sich zu gewinnen, zu überzeugen und mitzureißen. In ihrem Heimatkirchspiel Elditten allerdings gelang das der „Wunderjuste", wie man sie dort nannte, kaum; denn der Prophet gilt nun einmal nichts in seinem Vaterland. Man lachte vielmehr über sie; die Kinder kletterten an ihrem Fenster hoch und versuchten durch die zugezogenen Vorhänge zu erspähen, was in der Stube vor sich ging; und der Eldittener Pfarrer soll sogar einmal mit dem Stocke nach Justina geschlagen haben, als sie ihm in der Pfarrei ihre Wundmale vorführte.

  Aus diesen Gründen wahrscheinlich zog die Dargel aus der Wormditter Gegend fort in das Kirchspiel Gr. Köllen bei Rößel. Dort scheint die Zahl ihrer Anhänger ständig zugenommen zu haben. Die Stigmatisierte lag meist zu Bett und empfing die Besucher, mit denen sie betete und denen sie auf Grund der ihr angeblich zuteil gewordenen besonderen Offenbarungen Auskunft in ihren persönlichen und allgemeinen Fragen und Nöten erteilte. Die Leute bewiesen sich dadurch erkenntlich, daß sie der Prophetin Geld und mitgebrachte Lebensmittel unter das Kopfkissen steckten, so daß sie recht gut leben konnte.

  Justina Dargel beschränkte sich aber nicht nur auf die persönliche Beratung von anderen. Sie sammelte eine eigene Gemeinde zu regelrechten  

<…unleserlich...> 

Anhänger allmählich immer mehr dem normalen Leben. In der Rößeler Gegend wurde noch vor der Vertreibung hier und da von seltsamen  Gottesdiensten erzählt, die Justina in ihrem Zimmer veranstaltete. Sie selbst und ihre Gläubigen sollen dabei der liturgischen Kleidung des Priesters ähnliche, weite Gewänder in lila Farbe mit Schärpen getragen haben. Leider ist nicht überliefert, wie sich dieses eigenartige Zeremoniell im einzelnen abspielte.

Merkwürdig ist, daß es der Dargel sogar gelang, einen ermländischen  Priester ganz für sich zu gewinnen, einen Kaplan, dessen Name mir leider entfallen ist (ich nehme an, daß es sich um einen Kaplan von Gr. Köllen gehandelt hat; seine Personalakten habe ich einst in der Registratur des Generalvikariats in Frauenburg eingesehen). Selbst auf die Vorstellungen der bischöflichen Behörde hin ließ er sich nicht von seinem Glauben an die echte Sendung der angeblichen Prophetin abbringen und hielt auch noch zu ihr, als später über ihn die Suspension und über die übrigen Anhänger die kirchliche Exkommunikation  ausgesprochen worden war. Diese Warnungen und Strafen nützten leider nichts und vermochten die Anhänger der Dargel nicht davon abzuschrecken, daß sie ihren immer seltsameren und verhängnisvolleren Ratschlägen und Geschichten Glauben schenkten und so sich selbst ins Unglück stürzten.

Zu den von der Wunderjuste immer wieder ausgesprochenen Prophezeiungen gehörte nach der Art ähnlicher Sektierer vor allem die Verkündigung des für einen bestimmten nahen Termin bevorstehenden Weltunterganges. Davon vermochte sie Ihre Anhänger vollständig zu überzeugen und sie in Angst und Schrecken zu versetzen. Das Sonderbare an dieser Voraussage war nur, daß ihrer Auskunft nach nicht die ganze Erde untergehen werde, sondern nur ein Teil von ihr; und zwar werde die Umgegend von Triest von der allgemeinen Zerstörung ausgenommen sein und den vor Gott Gerechten vorbehalten bleiben. Also: Auf nach Triest im damaligen Österreich! Dort könne man nicht nur seine Seele, sondern auch sein Leben retten und werde nach dem allgemeinen Untergang in paradiesischem Frieden und Reichtum in einem tausendjährigen Reiche leben!

Justina muß wirklich viel Überzeugungskraft besessen haben, daß sie nicht nur den einen und anderen, sondern eine ganze Menge der doch so an ihrer Scholle hängenden ermländischen Bauern und Handwerker (angeblich sollen es zusammen über 100 Personen gewesen sein) überzeugte, in den 90er Jahren all ihr Hab und Gut zu verkaufen und sich zur Auswanderung tatsächlich bereitzumachen. Auch jener Kaplan nahm an dem Unternehmen teil, was die Leute gewiß in ihrem Vorhaben bestärkte. Verwunderlich ist es nur, daß es dieser recht ansehnlichen Schar von Menschen gelang, die doch damals nicht so ganz einfachen staatlichen Formalitäten für eine solche Aus- und Einwanderung sowohl auf deutscher wie auf österreichischer Seite zu überwinden und ihre Pläne tatsächlich in die Wirklichkeit umzusetzen. Es mag damals im Ermland viele Tränen und Familientragödien, viel gütliches oder strenges Abraten, aber auch manch hartnäckiges Durchsetzen gegeben haben. Aber schließlich kann man keinen hindern, in sein Verderben zu gehen.

Die „Dargel-Sekte" zog tatsächlich fort und versuchte in der ländlichen Umgegend von Triest Fuß zu fassen und sich hier und dort, möglichst in gegenseitiger Nähe, anzukaufen. Aber schon durch das Geldwechseln hatte man große Verluste erlitten. Boden und Klima waren ungewohnt, einige Ansiedler fielen auch auf gerissene Betrüger und Spekulanten herein. In der Heimat vernahm man wenig von den Ausgewanderten, denen es von Jahr zu Jahr schlechter ging. Manche starben in der Fremde, andere verarmten ganz; und wenn auch anfangs noch einer dem anderen half, so war die Enttäuschung doch groß, als der angesagte Termin verging, ohne daß eins der prophezeiten Ereignisse eintrat. Die alte Erde ging noch nicht unter, und das Leben bei Triest schien sich eher in eine Hölle als in ein Paradies zu verwandeln. Vergeblich tröstete der Kaplan, das Heimweh setzte den entwurzelten im fremden Lande immer mehr zu; und als schließlich die Dargel starb, gab es kein Halten mehr.

 Der eine und andere folgte dem Beispiel des verlorenen Sohnes, raffte seine letzte Habe zusammen und kehrte reumütig in die Heimat zurück. Wir wissen von einigen Heimkehrern, die den Mut zu solcher Umkehr fanden und sich in der Heimat durch Ablegung des Glaubensbekenntnisses in ihrer Pfarrkirche vor der ganzen Gemeinde auch offen wieder von ihrer Irrlehre lossagten. Zum Teil gelang es den Zurückgekehrten auch wieder, im Ermland zu Besitz zu gelangen (z. B. kaufte sich eine Bauernfamilie Hauschild aus Hohenfeld, die mit nach Triest gezogen war, später in Neuendorf bei Guttstadt an). Andere mögen in der Fremde verstorben und verdorben sein.

 Auch über die weiteren Schicksale jenes ermländischen Kaplans wissen wir Bescheid. Das Scheitern des Triester Unternehmens muß ihn als einen der Hauptverantwortlichen ganz besonders schwer getroffen haben. Er wandte sich an die für Triest zuständige kirchliche Behörde, unterrichtete sie von seiner Schuld und seiner Reue und bat um Aufhebung der über ihn verhängten Suspension. Wie aus dem Briefwechsel des Triester bischöflichen Amtes mit den zuständigen Frauenburger Stellen hervorgeht, erlangte der Kaplan nach Absolvierung einer ihm auferlegten Zeit der Einkehr und Buße die erbetene Wiederherstellung in all seinen priesterlichen Rechten. Er kehrte aber nicht mehr ins Ermland zurück, wo er wohl die Abneigung und Enttäuschung der Geschädigten fürchtete, sondern übte seine weitere Seelsorgetätigkeit in Tirol aus, wo er auch als gewissenhafter und eifriger Priester gestorben sein soll.

 Offen bleibt für den wissenschaftlichen Betrachter dieses Geschehens vor allem die Frage, wie Justina Dargel zu ihrer Sektenbildung und zu ihren prophetischen Ideen gekommen ist. Sind ihr entsprechende Bücher in die Hand gefallen, oder ist sie gar von ähnlichen ekstatischen Sekten beeinflußt worden, wie es sie damals in Russland und Polen gegeben hat? In jedem Fall muß auch eine starke hysterische und suggestive Veranlagung bei der Wunderjuste hinzugekommen sein. Ob es ein Bild von ihr gegeben hat oder ob jemand aus den Erzählungen seiner Eltern und Großeltern noch weitere Einzelheiten über dieses doch gar nicht allzuweit zurückliegende Geschehen berichten könnte!

Dr. Anneliese Triller

Quelle: „Unsere Ermländische Heimat“ – Mitteilungsblatt des Historischen Vereins für Ermland, Sommer 1956, Jahrgang 2,  Nr.3

Eine weitere Quelle über die Dargel-Sekte findet sich in einem Artikel von Anneliese Triller in der "Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands" desHistorischen Vereins für Ermland e.V., Bd. 39 (1978). Der ganzen Folge Heft 100. 232 S. € 12.- Triller: Die Dargelsekte im Ermland.

 

Ort (Karte)

Kolno, Polen
Bewerte diesen Beitrag:
1
Dargel: Name oder Sammelbegriff?
Kirchenbuch Meisdorf (ev)

Ähnliche Beiträge

 

Kommentare (2)

Rated 0 out of 5 based on 0 votes
  1. Helmut H.

Hallo Herr Dargel,

meine Großmutter Ottilie Thimm ist in Kleinenfeld geboren und aufgewachsen. Um deren Herkunft zu erforschen, habe ich das bei den Mormonen verfilmt vorliegende Kirchenbuch Elditten durchgesehen. Dabei stieß ich im Buch der...

Hallo Herr Dargel,

meine Großmutter Ottilie Thimm ist in Kleinenfeld geboren und aufgewachsen. Um deren Herkunft zu erforschen, habe ich das bei den Mormonen verfilmt vorliegende Kirchenbuch Elditten durchgesehen. Dabei stieß ich im Buch der Taufen "B155 1847 bis Nov. 1882 mit Einlage von 1911" auf Seite 78 auf den Geburts- (14.05.1860) und Taufeintrag (17.05.) der Justina. Am rechten Rand war unter "Bemerkungen" ein Zeitungsausschnitt eingelegt aus der Ermländischen Zeitung vom 10. II.1928, Nr. 7 über die Seherin Justina Dargel, der sehr knapp darüber berichtet und ihren Tod in Triest nach Mitteilung italienischer Behörden an des Pfarramt Elditten vermerkt. Worin die "Einlage von 1911" besteht, ist mir nicht bekannt.

In der "Chronik von Gr. Köllen" wird die Seherin nicht erwähnt. Im ersten Weltkrieg "waren die Nachbardörfer von russischen Truppen besetzt, die Greueltaten wurden auch in Gr. Köllen bekannt. ... im Dorf war nur kurzfristig ein russisches Vorkommando, das bei Jablonskis fürchterlich gehaust hat" .
Hat Justina die Greueltaten bei Jablonskis, in den Nachbardörfern oder die des Endes des zweiten Welltkriegs vorausgesehen?

Als Quellen nennen Sie nur zwei von Dr Anneliese Triller, erwähnen jedoch anfangs einen "Artikel von Dr. Bruno Schwark", wo ist der zu finden? Die Zeitschriften "Unsere Ermländische Heimat" (UEH) und "Zeitschrift für die Geschichte und Altertumskunde Ermlands" (ZGAE) sind im Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf einzusehen.

Aktuell suchte ich im Internet nach Justina Dargel, weil ein Bekannter mich darauf ansprach, dessen Stiefmutter, geborene Fox, aus einer Familie stammte, die damals von der Seherin beeinflußt worden war. Ich war sehr erstaunt, so viel zu finden; das Herder-Lexikon von 1956 kannte Justina nicht.

Ich wünsche viel Erfolg beim Suchen. Man findet vieles, was man nicht sucht, wird aber nie fertig mit suchen. In Gr. Köllen lebte ein Bauer Albert Herrmann, mit dem ich den Urururgroßvater gemeinsam habe; dessen Eltern und Großeltern mir jedoch fehlen. Ich weiß nur von einer noch lebenden fast 100-jährigen Nichte seiner Frau, daß er von dem vom Urururgroßvater gegründeten Gut Grünhof in Sturmhübel stammte. Der Sohn, der das Gut damals übernahm, hat seine Frau bei seinem Bruder im Kirchspiel Schönbrück gefunden, wo der Bruder hingeheiratet hatte, von dem ich abstamme. Die haben aber weder in Schönbrück noch in Stumhübel geheiratet, sondern in Schlitt, wo mein Ahn seine zweite Frau gefunden hatte.

Weiterlesen
  Anhänge
  Kommentar zuletzt bearbeitet am vor 1 Jahr von Marko Dargel Marko Dargel
  1. Helmut H.

-Justina Dargels Heimat-Kirchspiel ist nicht Elmdetten, sondern Elditten

  Anhänge
 
Bisher wurden hier noch keine Kommentare veröffentlicht

Einen Kommentar verfassen

Posting comment as a guest.
0 Characters
Anhänge (0 / 3)
Deinen Standort teilen
Gib den Text aus dem Bild ein. Nicht zu erkennen?
Zum Seitenanfang